Ian Wilmut hat das Denken dieser Welt verändert. Er ist ein wissenschaftlicher Revolutionär, der dreist das getan hat, was in Biologie-Lehrbüchern als unmöglich dargestellt und von vielen Menschen als Sündenfall betrachtet wird: Er hat als erster ein Säugetier geklont, das Schaf Dolly. Er ist einer der Wissenschaftler, die das britische Parlament vor einigen Wochen überzeugten, das therapeutische Klonen mit menschlichen Embryonen zu erlauben. Doch wer mit Ian Wilmut spricht, trifft auf einen ruhigen, nachdenklichen Menschen, der gleichzeitig ein vehementer Befürworter und ein engagierter Gegner des Klonens von Menschen ist. Um Dolly und ihren Schöpfer kennenzulernen, muß ich nicht in eines der pulsierenden Biotech-Zentren reisen, sondern an den Rand Europas. Zwischen sanften Hügeln, mitten im Herzen des Landstrichs Lothian, einige Meilen außerhalb der schottischen Stadt Edinburgh, liegt das Roslin-Institut, an dem Wilmut seit fast 30 Jahren arbeitet.
Während ich in der nüchternen Empfangshalle des Instituts warte, schaue ich mir eine kleine Ausstellung über die hiesige Forschungsarbeit an. Da geht es nicht um Biotechnologie und Klonieren, sondern ich lerne eine Menge über klimatisierte Hähnchentransporter. Roslin ist ein Landwirtschaftsforschungsinstitut mit einem großen Geflügelforschungszentrum. Die Mitarbeiter dürfen sich preisreduzierte Eier als Wochenbonus mit nach Hause nehmen. Ian Wilmut holt mich ab. Ein kompakter Mann, Mitte 50, der oft für einen Schullehrer gehalten wird, wie er erzählt. „Vielleicht liegt es an meiner Glatze und an meinem Bart”, meint er. Er bringt mich in sein Büro. Der Raum ist nüchtern, nur Bücher und vor allem Fachzeitschriften zum Thema Embryologie schmücken die Wände. „Ich hatte mir zwar diesen Kunstdruck fürs Büro gekauft”, er zieht ihn neben dem Schreibtisch hervor, „aber ich habe es immer noch nicht geschafft, ihn aufzuhängen.” Seit 1973 ist Wilmut am Roslin-Institut. Eigentlich wollte er Bauer werden. „ Ich wollte eine Arbeit, bei der ich viel draußen sein kann.” Er studierte Agrarwissenschaft an der Universität von Nottingham. „ Die Landwirtschaft war meine erste große Liebe – aber ich bin nicht gut im Geschäfte machen, und darum habe ich es dann sein gelassen.”
Wilmut wurde Wissenschaftler und das von Anfang an mit großem Erfolg. Seine Doktorarbeit in Cambridge über die Tiefkühlkonservierung von Eber-Sperma schaffte er in nur zwei Jahren. Dann kam schon der Durchbruch. Wilmut entwickelte eine Methode, die so ähnlich heute in der Landwirtschaft und bei der künstlichen Befruchtung von Menschen eine große Rolle spielt: Ihm gelang es als erstem, Embryonen einzufrieren, sie wieder aufzutauen und in die Gebärmutter eines Tieres einzupflanzen. 1973 kam das Kalb Frostie zur Welt, das erste Lebewesen, das als Embryo eingefroren wurde. Am Roslin-Institut sollte Wilmut herausfinden, warum so viele Lämmer schon als Embryonen sterben. Dies führte dann zum Klon-Projekt. Für diese Aufgabe holte sich Wilmut zwei Spezialisten an Bord, ohne die Dolly und die anderen geklonten Tiere wahrscheinlich nicht entstanden wären: William Ritchie und Keith Campbell. Ritchie ist technischer Assistent und der „handwerkliche” Vater von Dolly. Mit einer hauchdünnen Nadel transplantiert er Zellkerne von Körperzellen in Eizellen. Wilmut kann diese Arbeiten am Mikromanipulator nicht gut ausführen, da seine Hände dafür zu unruhig sind.
Der Zellbiologe Campbell hatte eine schwierige Aufgabe zu lösen: In den Biologie-Lehrbüchern stand bis vor kurzem, daß es unmöglich sei, ein Säugetier zu klonen, weil sich eine erwachsene Körperzelle nicht wieder in den „ursprünglichen” Zustand einer Embryozelle zurückführen lasse. Die „Programmierung” zu einer Leber-, Euter- oder Darmzelle galt als unumkehrbar. Campbell fand heraus, wie es doch geht: Der Zell-Zyklus, der die Vermehrung der Zellen regelt, ist entscheidend. Die Körperzelle, die geklont werden soll, und die Empfänger-Eizelle müssen sich nur in der gleichen Phase des Zellzyklus befinden – und schon können die Eiweiße im Ei den Zellkern umprogrammieren.
1995 gelingt dem Team das große Experiment. Die ersten geklonten Lämmer – Megan und Morag – kommen gesund zur Welt, entstanden aus den Zellkernen von embryonalen Schafzellen, implantiert in die Eizelle eines Schafs. Eine Sensation, die in der Öffentlichkeit kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Ein Bombenanschlag läßt die Klone gar nicht erst auf die Titelseiten der Zeitungen kommen. Das Team rechnete darum auch bei Dollys Geburt nicht mit einem großen Medienrummel. „Ich weiß nicht einmal mehr, wo ich damals war, geschweige denn, was ich damals gefühlt habe – auch wenn das heute verrückt klingen mag”, erzählt Wilmut. Keith Campbell war zu der Zeit sogar in Urlaub gefahren. Doch Dolly – entstanden aus dem Zellkern einer ausgereiften Euterzelle – elektrisierte die Welt und macht bis heute in der Öffentlichkeit von sich reden.
Wilmut ist stolz auf die geleistete Arbeit – und sagt es auch: „Der größte Durchbruch in der Biologie war das Knacken des biologischen Codes durch Watson und Crick. Aber das, was wir hier gemacht haben, kommt recht nah dran.” Meist ist er jedoch bescheiden und redet wenig über seine Leistungen: „Es war viel Glück dabei. Als wir in Roslin mit den Klonierungsexperimenten begannen, saßen schon mehrere Forschungsgruppen in den USA, Australien und Frankreich an ähnlichen Projekten. Keith Campbell war der Glücksgriff, um die anstehenden Probleme zu lösen.” Megan, Morag und Dolly haben ihre Aufgabe erledigt. Sie leben im Roslin- Institut in einem gemeinsamen Stall, für die Forschung haben sie kaum mehr Bedeutung. Wilmut hat sich neuen Aufgaben zugewandt, die eine Mission für ihn geworden sind: „Ich will die positiven Möglichkeiten einer Zelltherapie bekanntmachen. In einer Demokratie muß eine Technologie von der Bevölkerung akzeptiert werden. Die Leute müssen darum wissen, was los ist.” Zu diesem Zweck reist Wilmut durch die Welt, spricht auf internationalen Forscherkongressen und vor britischen Allgemeinärzten, er berät Parlamentarier und hat mit Keith Campbell und dem britischen Journalisten Colin Tudge ein populärwissenschaftliches Buch über das Klonen geschrieben, das demnächst im Hanser-Verlag auf deutsch erscheint. Wilmut will, daß seine Arbeit praktische Folgen hat. Er setzt sich energisch für das therapeutische Klonen von menschlichen Zellen ein, um Krankheiten heilen zu können, bei denen Zellverbände oder ganze Organe ausfallen, wie Alzheimer oder Parkinson. Dazu spornt ihn das Leiden seines 1994 verstorbenen Vaters an. Er war Mathematiklehrer, mußte aber 1960 seine Arbeit aufgeben, da er Diabetes hatte und erblindete. Später wurde ihm ein Teil eines Beines amputiert.
Bei Diabetes fallen die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse aus. Wilmuts Ziel: die Zellkerne noch intakter Inselzellen in Embryozellen klonieren, sie vermehren und dann dem Patienten implantieren. Doch für diese Experimente braucht man menschliche Embryonen. Wilmut hat dabei keine ethischen Bedenken: „Die meisten Menschen denken bei Embryonen an sehr kleine Menschen. Tatsächlich ist ein menschlicher Embryo nach sechs oder sieben Tagen aber nur ein kleiner Klumpen Zellen mit einem Durchmesser von einem zehntel Millimeter und etwa 250 Zellen. Kein Nervensystem, kein Bewußtsein, keine Persönlichkeit. Deshalb finde ich es akzeptabel, mit solchen Zellen Krankheiten zu behandeln.”
Für ihn ist das therapeutische Klonen mit Embryonen nur eine Übergangsmethode, denn er glaubt nicht, daß man es im großen Stil durchführen kann und sollte: „Zwei Gründe sprechen dagegen. Zum einen gibt es Hunderttausende von Patienten allein bei Diabetes. Wo sollen wir so viele menschliche Eizellen herbekommen? Und zum anderen akzeptieren viele Menschen diese Methode aus ethischen Gründen nicht.” Wilmuts Zukunftsidee: „Wir müssen verstehen, wie die Eiweiße in den Eizellen die Kerne anderer Zellen umprogrammieren, um mit diesem Wissen selber aus Körperzellen Insel-, Nerven- oder andere Zellen herzustellen.”
Wilmut ist sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Trotzdem bleibt er gegenüber seiner Arbeit skeptisch: „Manchmal denke ich, es tut keinem gut, den potentiellen Wert dieser Technologie überzubewerten.” Es ärgert ihn, wenn sich Kollegen mit weniger Skrupel an die Arbeit machen. Den Gedanken, ganze Menschen zu klonen, findet er „ekelhaft”. Schon aus „technischen Gründen” packt ihn bei diesem Gedanken das Grauen: „Wir hatten so viele Totgeburten und Mißbildungen bei den Klonierungen von Schafen – man kann solche Experimente nicht mit Menschen machen.”
Seit Dollys Geburt bekommt Wilmut regelmäßig Briefe und E-Mails, in denen ihn Menschen bitten, ihr verstorbenes Kind zu klonen. Wilmut ist Großvater und Vater zweier erwachsener Töchter und eines Adoptivsohns. Die Erfahrungen mit seinen Kinder haben einen starken Einfluß auf seine Haltung zum Klonen. Er befürchtet, daß die Erwartung der „Eltern” dem Klon das Leben zur Qual machen würden und ihm das Recht nehmen könnten, ein Individuum zu sein: „Sie wollen ja nicht einfach ein Kind, sondern einen ganz bestimmten Menschen haben und werden vom Klon dessen Aussehen, Gedanken und Einstellungen verlangen. Aber das funktioniert nicht. Selbst unsere vier geklonten und genetisch identischen Hammel Cyril, Cedric, Cecil und Tuppence haben unterschiedliches Aussehen und Temperament. Bei Menschen wäre das natürlich viel ausgeprägter.”
Er schaut mich an. „Warum sind Sie Wissenschaftsjournalist geworden? Bestimmt haben Ihre Anlagen eine Rolle gespielt, aber auch Erfahrungen und Menschen, die Sie inspiriert haben. Wir haben so viele Gene, die auf noch unbekannte Weise miteinander und mit der Umwelt agieren, daß man nicht vorhersagen kann, was dabei herauskommt: ein Klon von Mutter Teresa könnte eine Kriminelle, der Klon eines Schwergewichtlers ein Geiger werden.” Wenn Wilmut über die Aspekte menschlicher Klone spricht, merkt man, wie wichtig es ihm ist, verstanden zu werden und wie nah ihm dieses Thema geht. Es hat ihn sehr getroffen, als er anfangs mit Dr. Frankenstein verglichen wurde, oder als „Robert Oppenheimer der Biologie” bezeichnet wurde. „Das Klonen hat ein ganz anderes Potential als die Atombombe: Es vermag viel Gutes zu tun, und es mag einigen Menschen weh tun, kann aber niemals etwas so Schreckliches anrichten wie die Atombombe.”
Trotz aller Erfolge und internationaler Anerkennung ist Wilmut in Roslin geblieben und nicht in eines der großen Biotech-Forschungszentren gegangen. Er will auch in Zukunft dort arbeiten: „Ich lebe gern in Schottland – trotz des Regens. Ich gehöre zu meiner Dorfgemeinschaft, das gefällt mir. Ich bin einfach kein Stadtmensch.” Seine Frau Vivienne teilt mit ihm die Vorliebe für das Landleben. Zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen der beiden gehört das Wandern in Schottlands Hügeln und Bergen – und dann ist da noch das Curling. Wilmut lächelt verschmitzt: „Leider komme ich viel zu selten dazu. Es ist ein schottischer Nationalsport im Winter. Wir schießen dabei 20 Kilo schwere Steine übers Eis und trinken dazu eine Menge Whisky.”
Kompakt Ian Wilmut, geboren 1944, lebt und arbeitet als Embryologe in einem Dorf bei Edinburgh. Er liebt das Dorfleben und Schottland. Mit seinem Team hat er „Dolly”, das erste Säugetier der Welt, geklont. Wilmut ist stolz auf seine Arbeit. Er will seine Methoden auch in der Medizin anwenden. Die Idee, einen Menschen zu klonen, findet er „ekelhaft”. Selbsteinschätzung: „Ich bin ein etwas schüchterner, gehemmter Engländer im mittleren Alter.”
Bdw community INTERNET Das Roslin-Institut im Internet mit Texten von Ian Wilmut und Beschreibungen der Klonierungsexperimente www.ri.bbsrc.ac.uk
Lesen Ian Wilmut, Keith Campbell, Colin Tudge Dolly – Der Aufbruch ins biotechnische Zeitalter Hanser 2001, DM 49,80
Thomas WillkIan Wilmut





