Schlaue Schleimereien
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Schlaue Schleimereien

Hin und wieder ist es nicht einfach nachzuvollziehen, warum Forscher sich so brennend für eine gewisse Sache interessieren. Sicher, wenn es darum geht, wichtige Stoffwechselwege zu entschlüsseln, die Fruchtbildung von Pflanzen zu verstehen oder die Schwachstellen von gefährlichen Viren zu finden – dann ist wohl jedem die Motivation klar. Aber warum interessiert sich jemand ausgerechnet für die Zusammensetzung von Würmerkot oder die Lichtabsorptionsmuster von Fliegenflügeln?
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Tatsächlich haben die betreffenden Forscher auch in solchen, eher skurril anmutenden Fällen durchaus wichtige Fragen im Hinterkopf. Nur erschließen die sich dem Unbedarften oft erst dann, wenn die Ergebnisse vorliegen.

Klebstoff oder Gleitmittel

Nehmen wir als Beispiel Schneckenschleim. Warum sollte irgendein Forscher sich ausgerechnet dafür sein Hirn zermartern und die Hände schmutzig machen? Und vor allem: Welche großen Fragen könnten sich mit Erkenntnissen über Schneckenschleim wohl klären lassen?

Fangen wir zunächst einmal damit an, warum Schnecken überhaupt so viel Schleim produzieren. Um besser kriechen zu können, klar. Und das ist genauer besehen sogar ziemlich clever, denn die Schnecke produziert mit ihrem Schleim quasi ihren eigenen Straßenbelag, dessen Eigenschaften sie je nach Anforderung verändern kann: Mal ist er Klebstoff, wenn sie glatte Wände hinauf will, mal glitschiges Gleitmittel, wenn es – für Schneckenverhältnisse – ein bisschen schneller gehen soll.

Das ist aber noch nicht alles. Denn überdies wehrt die Schnecke mit dem flexiblen Zucker-Eiweiß-Sekret auch viele Feinde ab – große wie kleine. Häufig ist die Mischung so zäh, dass mancher Vogel davon absieht, zuzupicken, um sich mit dem schleimigen Zeug nicht den Schnabel zu verkleben. In anderen Fällen mixen die Weichtiere ein derart unappetitliches Aroma in den Schleim, dass potenzielle Fressfeinde sie lieber links liegen lassen. Und sie mischen standardmäßig antibakterielle Substanzen in ihren Schleimfilm, um Infektionskrankheiten vorzubeugen. Eine wirksame defensive Allzweckwaffe also.

Allerdings verlangt die Natur für die Produktion solcher vielfach verwendbaren Wundermittel in der Regel einen hohen Preis. Und tatsächlich muss eine gewöhnliche Schnecke im Schnitt etwa ein Viertel ihrer Stoffwechselenergie in das „Schleimen“ stecken. Die Kehrseite: Die Tiere kommen nur noch im sprichwörtlichen Schneckentempo voran. Und je glibberiger eine Schnecke ihre Spur schmiert, desto langsamer kriecht sie – weil ihr umso weniger Energie für die Bewegung bleibt. Eiserne Schneckenregel daher: Jeder Zentimeter will wohlüberlegt sein.

Ein überaus vernünftiges Resultat solcher „Überlegungen“ ist daher, dass Schnecken gerne in der Schleimspur eines Vorschleimers rutschen. So haben britische Forscher ermittelt, dass die Gemeine Strandschnecke Littorina littorea auf einer frisch vorgeschleimten Schlitterschicht für den gleichen Weg nur etwa ein Viertel des teuren Schleims erzeugen muss wie die Vorkriecherin.

Doch dieses „Nachschleimen“ dient nicht nur dem Energiesparen. Denn Schnecken glitschen nahezu ausschließlich im Schleim ihrer eigenen Artgenossen. Der Grund dafür ist einleuchtend: Auf diese Weise finden sie mit großer Sicherheit den richtigen Fortpflanzungspartner. Schließlich kann es sich keine Schnecke leisten, wertvolle Reserven umsonst zu vergeuden, indem sie am Ende einem artfremden Wesen hinterher schlittert. Und wenn sie auf der richtigen Spur ist, dürfte sie ihren gewünschten Partner aufgrund des Energievorteils auch schnell einholen.

Schleim mit Aroma

Wie die Schnecken die Schleimspuren direkter Artgenossen zweifelsfrei von denjenigen lediglich verwandter Gattungen unterscheiden können, ist einleuchtend: Jede Art mischt ganz spezifische Erkennungsstoffe in ihren Schleim.

Artspezifische Erkennungsstoffe? Damit hat uns der Schneckenschleim tatsächlich zu einer der ganz großen Fragen der Biologie gebracht: Was sind die treibenden Kräfte, dass sich eine Art sich in zwei neue aufspaltet – und dass die beiden entstehenden Spezies während des langwierigen Artbildungsprozesses strikt getrennt voneinander bleiben? Genau dabei spielt die spezifische Erkennung der eigenen Art, wie hier beim Schneckenschleim, eine ganz besondere Rolle. Diese ist nämlich zwingende Voraussetzung für die sogenannte assortative Paarung (assortative mating), bei der sich unter Konkurrenzdruck in einer Population mit zwei Subpopulationen stets genau diejenigen Partner bevorzugen, die identische Merkmale besitzen. Auf diese Weise wird die Rückvermischung zweier Subpopulationen einer Art minimiert, die durch unterschiedliche Anpassungsvorgänge gerade in Auftrennung begriffen sind – und der ganze Aufspaltungsprozess in zwei unabhängige Arten kann selbst in den gleichen oder stark überlappenden Lebensräumen weiterlaufen. Eine solche Bildung zweier neuer Arten im Gebiet der Ursprungsart bezeichnen die Experten als sympatrische Speziation – im Unterschied zur Artaufspaltung nach geografischer Trennung zweier Populationen einer Art (allopatrische Speziation).

Farbe, Geruchsstoffe, akustische Signale – alles, was zur klaren Erkennung der eigenen Art dient, kann demnach auch als Triebfeder für assortative Paarung und damit für Artbildung dienen. Und bei Schnecken erfüllen die aromatisierten Schleimspuren eben auch diesen Zweck, wie schwedische Forscher jüngst in der Fachzeitschrift „Evolution“ beschrieben haben.

Die Schweden hatten sich zwei verschieden große Varianten der Felsenstrandschnecke Littorina saxatilis vorgenommen, die im gleichen Lebensraum umherkriechen – und die zudem im Gegensatz zu vielen anderen Schnecken keine Zwitter sind. Am Ende der Untersuchungen konnten die Forscher festhalten, dass die Schneckenmänner den Schleimspuren der weiblichen Individuen ihres eigenen „Typs“ derart verwechslungsfrei folgten, dass Paarungen zwischen den beiden Subpopulationen – und damit die genetische Rückvermischung – bis auf wenige Ausnahmen ausblieben. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass hier die Aromavariation des Schneckenschleims den endgültigen Abschluss der Artaufspaltung mitbewirken wird.

Und so haben wir nun eine Ahnung davon bekommen, auf welche Weise die Hinwendung zu vermeintlich unergiebigen Forschungsobjekten wertvolle Hinweise zur Lösung großer Fragen geben kann.

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