In einer am 10. März 1208 feierlich verkündeten Bulle hatte der Papst die gesamte abendländische Christenheit aufgefordert, sich an dem Kreuzzug gegen die Ketzer in Okzitanien, dem damals noch nicht zum französischen Königreich gehörenden Süden des heutigen Frankreich, zu beteiligen. Die zu erfüllende Aufgabe war von dem Oberhaupt der römischen Kirche den „Soldaten Christi“ unmißverständlich vorgegeben worden: „Ihr sollt danach trachten, den ketzerischen Unglauben auf jede Art und Weise und mit allen Mitteln, die Gott euch offenbaren wird, zu vernichten“, hatte der Papst wissen lassen. Als Lohn verhieß er allen Kreuzfahrern den Kreuzzugsablaß und durch ihn die Vergebung sämtlicher Sünden. Letzteres war zwar theologisch ungenau (durch den Ablaß können nach katholischer Lehre nur die zeitlichen Sünden?strafen, nicht aber die Sündenschuld vergeben werden; von der Sündenschuld wird der Sünder durch die Lossprechung in der Beichte befreit), aber psychologisch sehr geschickt und ausgesprochen wirkungsvoll.
Wer waren diese okzitanischen Ketzer, zu deren Ausrottung – „extirpare“ heißt es wörtlich in dem Kreuzzugsaufruf – Papst Innozenz III. mit der von ihm beanspruchten Autorität des Stellvertreters Gottes auf Erden die gesamte Christenheit aufforderte? In der Literatur werden sie als Katharer (nach dem griechischen Wort katharoi = die Reinen) oder Albigenser (nach der südfranzösischen Stadt Albi) bezeichnet. Der Name Katharer tauchte erstmals 1163 im Abendland in Predigten des Benediktinermönchs und späteren Abts Ekbert von Schönau auf. Ihr Name wurde im Deutschen als „Ketzer“ schließlich zum Gattungsbegriff für dogmatische Abweichler schlechthin. Sie selbst aber nannten sich einfach christiani, verschiedentlich aber auch veri bzw. boni christiani. Denn die Anhänger dieser bedeutendsten spirituellen Bewegung des christlichen Mittelalters, die zur größten mittelalterlichen Sektenbewegung des Abendlandes wurde, betrachteten sich selbst als die „echten“, die einzig „wahren“ Christen.
Ihre Lehre stammt wohl ursprünglich vom Balkan (Bogomilismus) und breitete sich von dort weiter nach Westeuropa aus. Hier ist ihr Auftreten erstmals eindeutig 1143 in Köln bezeugt. Bereits zehn Jahre später berichtete jedoch Bernhard von Clairvaux mit heiligem Entsetzen von der großen Zahl ihrer Anhänger in Okzitanien. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die katharische Bewegung somit über den gesamten Raum zwischen Rhein und Pyrenäen verbreitet.
Der religiöse Kerngedanke des Katharismus ist der Dualismus. Er geht von einer vollständigen Scheidung von Geist (oder der reinen Seele bzw. dem guten Gott) und Materie (oder der bösen Welt bzw. dem bösen Gott/Satan) aus. Dementsprechend glaubten die Katharer an die Existenz von zwei gegensätzlichen und sich unversöhnlich gegenüberstehenden Prinzipien, einem guten und einem bösen. So hatte es nach ihren Vorstellungen auch zwei Schöpfungen gegeben: Von dem guten Gott war alles Bleibende und Unsichtbare, von Satan dagegen alles Sichtbare und Vergängliche und somit auch die irdische Welt geschaffen worden. Die Katharer vertraten auch die Vorstellung der Seelenwanderung und glaubten, daß es von dem Verhalten des Menschen im jetzigen Leben abhänge, in welchen Leib seine Seele im nächsten Dasein eintreten werde. Im Katharismus gibt es daher auch keine jensei?tige Hölle, denn die Hölle ist nach katharischer Vorstellung nichts anderes als die Wiedergeburt in einem neuen Körper.




