Ungefähr so, wenn auch nicht ganz so blumig, lernt man es in der Schule. Doch ohne die gewaltige Leistung Alexander Flemings schmälern zu wollen: Er war weder der Erste, der auf die Idee gekommen ist, dass Schimmel bakterizid wirken könnte, noch hat er die Antibiotika entdeckt, die wir heute nehmen, um eine Mandelentzündung zu bekämpfen.
Schon im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung hat der griechische Arzt Hippokrates zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten empfohlen, Wasser mit pulverisierter Hefe zu trinken – also sowas wie sehr scheußliches, alkoholfreies Bier. Etwa um dieselbe Zeit hat man in Griechenland versucht, Fußinfektionen durch das Tragen von mit Schimmelpilzen bedeckten Sandalen zu heilen und Furunkel mit verschimmeltem Käse zu bekämpfen.
Heißt das, wenn man seine nassen Sandalen vom Wacken-Festival ein paar Wochen nicht auspackt, hat man eine Hausapotheke im Rucksack? Und Gorgonzola hilft gegen Karbunkel? Eher nicht. Schließlich handelt es sich bei den genannten Methoden nicht nur um altes Wissen, sondern sogar antikes. Quasi Antik-Biotika. Derartige Experimente wurden durchgeführt, ohne zu wissen, was genau passiert und welche Wirkstoffe wann was machen – und wann nicht. Entsprechend wechselhaft waren die Erfolge. Denn wenn man weder weiß, wie Moleküle funktionieren, noch sagen kann, was Moleküle überhaupt sind, kann man nur hoffen, dass das, was das letzte Mal geholfen hat, auch diesmal hilft.
Bis es neues, verlässlicheres, also wissenschaftliches Wissen gab, sollten noch Jahrtausende vergehen. 1875 wurde der Schimmelpilz Penicillium von den Briten John Tyndall und William Roberts erstmals als Gegenspieler der Bakterien beschrieben – allerdings, ohne die richtigen Schlüsse zu ziehen. Besser gelang das zwei Jahre später den Franzosen Louis Pasteur und Jules Joubert, als sie die antagonistische Interaktion zwischen verschiedenen Bakterienarten schilderten. Sie erkannten etwa, dass Milzbrandbazillen und Fäulnisbakterien einander das Leben schwer machen. Nun fehlen aber noch 50 Jahre bis zu Alexander Fleming. War in der Zeit stille Beschäftigung angesagt, oder was? Natürlich nicht.
Einige Jahre später entwickelte der deutsche Arzt Paul Ehrlich gemeinsam mit Alfred Bertheim und Hata Sahachiro das erste Antibiotikum zur Bekämpfung von Syphilis. 1910 gilt daher als Beginn des Zeitalters der Antibiotika.
Duchesne? Nie gehört.
Den Mechanismus, der zur Hemmung des Wachstums pathogener Mikroorganismen durch Schimmelpilze führt, hat aber jemand anderes erstmals beschrieben. Nämlich Ernest Duchesne. Nie gehört? Da sind Sie nicht allein. Und dass er nicht mindestens ebenso berühmt ist wie Fleming, ist ebenso bitter wie ungerecht. Dem jungen französischen Militärarzt Duchesne war bereits Ende des 19. Jahrhunderts aufgefallen, dass arabische Stallknechte Sättel an dunklen, feuchten Orten aufbewahren, damit sich auf ihnen eine Schimmelschicht bildet. Doch nicht, damit die Kavallerie unterwegs Roquefort-Käse herstellen konnte, sondern weil die Stallknechte wussten, dass Schürfwunden auf den Pferderücken, verursacht durch den Sattel beim Reiten, so besser geheilt werden können. Duchesne untersuchte daraufhin die Wechselwirkung zwischen dem Bakterium Escherichia coli und Penicillium glaucum und konnte im Labor zeigen, dass der Schimmelpilz das Bakterium eliminiert.





