Haben Frauen ein anderes Gehirn als Männer? Die Neurobiologin Louann Brizendine gibt darauf eine klare Antwort – eine allzu klare.
Wer schon einmal ein falsch dosiertes Hormonpräparat eingenommen hat, weiß, wie sich der Naturstoff auf Stimmung und Denken auswirken kann – fatal. Auch Frauen, die unter dem prämenstruellen Syndrom (Unbehagen vor den Tagen) leiden oder nach der Geburt eines Kindes in eine Wochenbettdepression verfallen sind, kennen die mächtigen Wirkungen der Hormone im Gehirn.
Die amerikanische Neurobiologin und Psychiaterin Louann Brizendine ist Expertin für solche Wechselbeziehungen. Und als Gründerin einer Hormonklinik für Mädchen und Frauen hat sie Erfahrungen mit der Verordnung entsprechender Medikamente gesammelt.
Doch statt bei ihrem Leisten zu bleiben und ein informatives Buch über das Wirken der Hormone im weiblichen Körper zu schreiben, versucht die Autorin, wieder einmal zu erklären, „ warum Frauen anders sind als Männer”. Das liest sich zwar flott, ist aber genauso oberflächlich wie in populären Vorgängerbüchern, die erläutern, warum Männer anscheinend nicht zuhören und Frauen angeblich schlecht einparken können.
Brizendine zitiert mehr als tausend Studien. Doch akribische Rezensenten, die einen Teil der Quellen nachgelesen haben, sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Neurobiologin allzu sehr vereinfacht und zuspitzt. Manche ihrer Behauptungen sind nicht belegt, und ihre Aussage, dass Frauen 20 000 Wörter am Tag gebrauchen, Männer dagegen nur 7000, ist sogar falsch, wie eine neue Studie beweist.
„Frauen verfügen über eine achtspurige Autobahn, um Gefühle zu vermitteln und zu verarbeiten, Männer nur über eine Landstraße”, schreibt sie und hat die Lacher auf ihrer Seite. Weniger zu lachen haben da die Partner ihrer Patientinnen, die sich in den Fallgeschichten der Psychiaterin als gefühllose Monster geschildert finden. Es mag solche Männer geben, aber seien wir ehrlich: Gäbe es nur solche, wäre die Menschheit längst ausgestorben.
Schade. Hier wurde eine Chance verpasst, Forschungsergebnisse über Hormone und Gehirn differen- ziert zu präsentieren. Das hätte vielleicht neue Einblicke in das Verhältnis der Geschlechter verschafft. Aber die lassen sich vielleicht nicht so gut verkaufen.
Louann Brizendine DAS WEIBLICHE GEHIRN Hoffmann und Campe Hamburg 2007 359 S., € 19,95 ISBN 978-3-455-50026-4
Judith Rauch, Biologin und bdw-Redakteurin





