von SUSANNE DONNER
Es waren kleine Hähne, die Frank Schaeffel Entscheidendes über das Sehen lehrten. Er setzte ihnen noch als Küken eine Brille auf, die er in mühsamer Handarbeit in eine Lederhaube einnähte. Im Zeitraffer beobachtete der Ophthalmologe an den Hühnern, wie sich ihr Sehsinn entwickelte. Denn die Augen der Vögel gleichen denen des Menschen. Sie sehen gestochen scharf, damit sie gut picken können. Im Verhältnis zu ihrem Körper haben sie allerdings riesige Augen. Und mit 100 Mikrometern am Tag wächst ihr Augapfel viel rasanter als beim Menschen.
„Ich wollte endlich die Kurzsichtigkeit verstehen“, erzählt der berühmte Augenforscher, heute an der Universität Tübingen, „ich bin sogar selbst kurzsichtig.“ Tatsächlich verblüfften seine Experimente, die er in den späten 1980er-Jahren an der Cornell University im US-Bundesstaat New York ausführte. Sie sollten die Augenheilkunde verändern. Ohne großen Knall, aber anhaltend und bis heute.
Setzte Schaeffel den normalsichtigen Hähnen Brillengläser mit negativen Dioptrien auf, wie sie Kurzsichtige tragen, wurden die Tiere innerhalb weniger Tagen kurzsichtig. Ihr Augapfel wuchs abnorm in die Länge. Und hielt er die Hähne testweise ohne Brillenhaube wenige Tage in einem dunklen Stall statt bei Tageslicht im Freien, wurden sie von allein kurzsichtig.
Hartnäckig hatte sich bis dahin die Theorie gehalten, Kurzsichtigkeit sei in erster Linie genetisch bedingt. Schaeffels Experimente machten zum ersten Mal deutlich klar: Sie entsteht vor allem infolge von umweltbedingten Seherfahrungen. Nicht anders verhält es sich beim Menschen. Aus welcher Entfernung, wie genau und wie oft wir etwas bei welchen Lichtverhältnissen betrachten, entscheidet, ob wir kurzsichtig werden. Doch es sollte bis in die Gegenwart dauern, ehe Schaeffels Erkenntnisse ihre ganze Tragweite entfalteten.
Tageslicht statt Bildschirm
Je früher die Sehschwäche einsetzt, „desto mehr Zeit hat sie, sich zu verschlimmern“, sagt Bettina Wabbels, Spezialistin für Kinderaugenheilkunde an der Universität Bonn. Der Augapfel wächst bei Betroffenen zu sehr in die Länge. Der Ort schärfsten Sehens liegt deshalb bei der Myopie nicht mehr auf der Netzhaut, sondern etwas davor. Bis zum Alter von 25 Jahren kann sich die Sehschwäche deutlich verschlimmern, weil die jungen Menschen wachsen und damit auch das Auge.
Das Huhn wie den Menschen schützt den Studien zufolge nichts so wirksam vor Kurzsichtigkeit wie Tageslicht. Die Epidemie der sehgeschwächten Kinder in Asien wird häufig mit dem Bildungsdrill erklärt: Schon die Dreijährigen lernen lesen und pauken stundenlang. Dafür sitzen sie drinnen am Schreibtisch. Der Daueraufenthalt in geschlossenen Räumen schädigt aber ihr Sinnesorgan unwiederbringlich. Wer einmal kurzsichtig ist, bleibt es nämlich auch.





