von TIM SCHRÖDER
An einem Januartag im Jahr 1862 überreicht ein Bote dem Naturforscher Charles Darwin eine kleine Kiste. Sie ist randvoll gefüllt mit Blüten, die ihm ein befreundeter Botaniker geschickt hat. Exotische Exemplare sind dabei – aus den Tropen, aus Afrika. Vorsichtig nimmt Darwin eine Blüte nach der anderen heraus. Dann stutzt er. Vor ihm in der Kiste liegt eine riesige leuchtendweiße Orchidee. Von der Blüte hängt ein dünner Sporn herab, eine Röhre von Unterarm-Länge. Nie zuvor hat Darwin eine solche Blume gesehen. Er schneidet die Röhre auf und entdeckt in ihrer Spitze kleine Kristalle getrockneten Nektars.
Darwin beschäftigt sich damals gerade mit der Frage, wie Insekten Blüten bestäuben. Ihm ist klar, dass es viele verschiedene Blütenformen gibt und dass zu jeder ein Tier existiert, das sie bestäuben kann. Doch die Blüte in seiner Hand gibt ihm Rätsel auf. „Lieber Himmel, welches Insekt kann daran saugen“, schreibt er einem Freund später. Er ist überzeugt, dass es in der Heimat dieser Blume, dem „Stern von Madagaskar“, ein Tier geben muss, das in der Lage ist, den Nektar aus der Spitze der Röhre zu saugen. Doch wie soll dieses Tier aussehen? Wie unerhört lang muss sein Rüssel sein, um an den Nektar heranzureichen? Mit dieser Frage löst Darwin eine regelrechte Fahndung nach dem Unbekannten aus. Die Suche dauert bis zum Jahr 1903, bis Zoologen endlich das Tier in den Wäldern Madagaskars entdecken: einen stattlichen Schmetterling, einen Schwärmer, der seinen Rüssel tatsächlich weit genug ausstrecken kann. Sie taufen ihn Xanthopan morgani praedicta – von „Praedictus“, der „Vorhergesagte“. Mit seinem bis zu 28 Zentimeter langen Rüssel gehört Xanthopan bis heute zu den Insekten mit den imposantesten Mundwerkzeugen.
Neue Technik für uralte Phänomene
Es gibt eine ungeheure Fülle an Insekten, die sich von Nektar ernähren – nicht nur Schmetterlinge, sondern auch Bienen oder Wespen. Hinzu kommen Tiere, die stechen und saugen, um an ihre Nahrung zu gelangen: Blattläuse, die es auf Pflanzensäfte abgesehen haben, und Bremsen, Flöhe oder Zecken, die Blutmahlzeiten bevorzugen. Jedes Tier hat seine eigene Art entwickelt, um zu fressen. Wie die Anekdote vom „Stern von Madagaskar“ zeigt, beschäftigen sich Naturforscher schon lange mit den tierischen Saugwerkzeugen. So richtig Fahrt aufgenommen hat die Forschung aber erst in den vergangenen 20 Jahren, seit es technische Apparate gibt, mit denen man die recht filigran gebauten Werkzeuge genauer betrachten kann – etwa mit hochauflösenden Digitalkameras.
Wie Schmetterlinge zähflüssigen Nektar durch einen so langen und zugleich dünnen Rüssel saugen, war lange ein Rätsel. Wer schon einmal probiert hat, Honig mit einem Strohhalm zu trinken, weiß, wie viel Unterdruck man erzeugen muss, um erfolgreich zu sein. Lange sprachen Forscher bei Schmetterlingen deshalb vom „Paradoxon des Strohhalms“: Physikalisch seien Schmetterlinge nicht in der Lage, den nötigen Sog zu erzeugen. Trotzdem können sie Nektar trinken. Das Paradoxon lösten vor wenigen Jahren Wissenschaftler von der US-amerikanischen Clemson University: Am Monarchfalter konnten sie beobachten, dass Schmetterlinge nicht einfach nur saugen. Vielmehr deformieren sie ihren Rüssel rhythmisch, um den zähen Nektar durch den Rüssel nach oben zu quetschen. Sie können die Öffnung an der Spitze weiten oder die Seitenwand des Rüssels gezielt mit einer blutartigen Flüssigkeit aufpumpen. Durch abwechselndes Pumpen und Entspannen der Seitenwand können sie so den Saft zum Kopf befördern.





