Prof. Dr. Cornelia Ewigleben ist seit 2005 Direktorin des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart. Prof. Dr. Matthias Puhle ist seit 1991 Leitender Direktor der Magdeburger Museen.
Zusammen mit Prof. Dr. Hans Ottomeyer, dem Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin, sind sie die Sprecher der Initiative „Museen für Geschichte!“, eines Zusammenschlusses der großen kulturhistorischen Museen im deutschsprachigen Raum.
Das Gespräch führte Dr. Marlene P. Hiller.
DAMALS: Ganz direkt gefragt: Wozu brauchen wir die kulturhistorischen Museen heute überhaupt noch? Ewigleben: Das Sammeln ist für uns unverändert wichtig. Heutzutage liegt dem aber häufiger als früher eine genau definierte Sammlungsstrategie zugrunde: Man nimmt nicht einfach alles, was angeboten wird, ohne Rücksicht auf die Aussagekraft eines Objekts. Puhle: Zudem sind die Etats für Ankäufe in der Regel klein. Glaubt man, etwas unbedingt haben zu müssen, muss man seinen Träger, seine Förderer oder Sponsoren dafür gewinnen. Was nicht zum Haus passt, wird schwer durchzusetzen sein. Die Finanzierungsfrage ist also bereits ein wirksames Korrektiv. Doch zurück zu Ihrer Frage: In einer unübersichtlicher gewordenen Welt können kulturhistorische Museen durchaus Orientierung geben. Museen haben viel mit Identität zu tun: Man vergewissert sich seiner Wurzeln. Wir integrieren uns in Europa und beschäftigen uns mit der ganzen Welt; in diesem Prozess können historische Museen als Gegengewicht, quasi als „Erdung“ wirken. Ewigleben: Und sie haben – etwa im Vergleich mit anderen Kultureinrichtungen, die das vielleicht auch für sich beanspruchen würden – einen singulären Schatz: Sie können Originale, authentische Objekte, zeigen. Das hat niemand sonst zu bieten und trägt sicherlich zur besonderen Anmutung von Museen bei.
DAMALS: Vor welchen Herausforderungen stehen Museen heute? Ewigleben: Geändert hat sich sicherlich, dass wir intensiver fragen: Was soll in die Ausstellung? Wir können ja nur zwei, drei Prozent der vielen hunderttausend Objekte zeigen, die in unseren Depots lagern. Auch die Fragen: Wie erweitere ich meine Sammlung? Zu welchen Bedingungen nehmen wir eine Schenkung an? gehen wir viel bewusster an. Wichtig ist zudem: Inwieweit bilden wir mit unseren Sammlungen die heutige Gesellschaft ab? Früher haben die Sammlungen in der Regel die Oberschicht abgebildet. Dann kam die Volkskultur dazu. Aber wie sieht es im 21. Jahrhundert aus, in einer multikulturellen Gesellschaft?
DAMALS: Und wie fangen wir diejenigen ein, die nicht von Kindheit an mit unserer Kultur vertraut sind? Sie sagen: Im Museum verge‧wissern wir uns unserer Wurzeln – das kann schon schwierig werden, wenn ein Bremer nach Bayern kommt, aber was ist mit einem gebürtigen Indonesier in Stuttgart? Puhle: In diesem Punkt muss man ganz klar sagen: Das können wir als Museum nicht leisten. Wir können nicht sämtliche Migrationen im Museum abbilden.




