Die Influenzapandemie von 1918, die als die Spanische Grippe in die Geschichte einging, tötete Schätzungen zufolge 50 bis 100 Millionen Menschen weltweit. Ihren Höhepunkt erreichte sie im Herbst 1918, eine weitere Welle folgte im Frühjahr 1919. Obwohl es bereits zu Beginn der Pandemie Vermutungen gab, dass sie durch ein Virus verursacht wird, wurde der virale Ursprung erst 1930 nachgewiesen. In den 1990er Jahren identifizierten Forschungen an Gewebeproben aus der Pandemiezeit das Virus als Influenza-A-Virus des Subtyps H1N1. Zwei vollständige Genome des Virus wurden seitdem aus amerikanischen Proben isoliert, ebenso wie mehrere weitere unvollständige. Genetisches Material aus der damaligen Zeit ist jedoch selten, sodass noch viele Fragen offen sind.
Spurensuche in medizinhistorischen Museen
Auf der Suche nach weiteren geeigneten Proben hat ein Team um Livia Patrono vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin insgesamt 13 Lungenproben aus der Zeit von 1900 und 1931 analysiert, die im Medizinhistorischen Museum der Charité Berlin sowie dem Naturhistorischen Museum Wien aufbewahrt wurden. Sechs der in Formalin eingelegten Lungen stammten aus der Zeit der Pandemie. Patrono und ihr Team analysierten das Erbgut in allen Proben und stießen tatsächlich in dreien davon auf die RNA von Influenza-A-Viren. „Alle stammen aus Proben von 1918 und an den Lungen ist erkennbar, dass eine Bronchopneumonie vorlag“, so die Forscher.
Zwei der Proben mit nachgewiesenen Influenza-A-Viren wurden im Juni 1918 in Berlin gesammelt, also in der Frühphase der Pandemie. Aus diesen Proben konnten die Forscher Teilstücke des viralen Genoms sequenzieren. In der dritten Probe, die 1918 in München gesammelt wurde, war die Grippe-RNA so gut erhalten, dass die Forscher das vollständige Genom sequenzieren konnten. Patrono und ihr Team verglichen die genomischen Daten mit den beiden bereits bekannten Genomsequenzen aus den USA, eine davon vom September 1918 aus New York, die andere von November 1918 aus Alaska.
Genetische Variabilität
Das Ergebnis: Während die beiden Berliner Genome – soweit sich dies trotz der Unvollständigkeit beurteilen lässt – einander sehr ähnlich sind, weist das aus der Münchener Probe isolierte Virusgenom bereits mehrere Variationen auf. Die beiden Erbgutsequenzen aus New York und Alaska zeigen weitere Mutationen. „Insgesamt zeigen diese Vergleiche, dass eine messbare genomische Variabilität vorhanden war und dass Genome, die auf denselben Kontinenten und während desselben Zeitraums der Pandemie entnommen wurden, eine geringere Gesamtdivergenz aufwiesen als Genome, die auf verschiedenen Kontinenten und in unterschiedlichen Zeiträumen entnommen wurden“, schreiben die Forscher.





