So gibt er seinem Ansatz entsprechend einen chronologischen Gesamtdurchgang auf und bietet strukturorientierte Analysen. Die räumlichen Rahmenbedingungen der kontinentalen Lage und der klimatisch ungünstigen Bedingungen, die „Wege zum Imperium“ und die in letzter Zeit oft historiographisch vernachlässigten materiellen und ökonomischen Grundlagen der Bevölkerung arbeitet er luzide heraus. Die Frage der gesellschaftlichen Prägung durch geringe Urbanisierung, das Herrschafts- und Machtsystem auch über die Epochenbrüche von 1917 und 1989 hinweg und die kirchlichen und kulturellen Einflüsse werden ebenso kenntnisreich erörtert.
Schließlich baut er dem Vorwurf des Determinismus, der der Strukturgeschichte gern gemacht wird, vor, indem er in einem eigenen Kapitel die Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte betont. An prominenten Beispielen wie Wladimir, dem heiligen Iwan IV., Peter I., Alexander II., aber auch Lenin, Stalin und Gorbatschow zeigt er immer wieder Alternativen der russischen Geschichte auf, um der Konstruktion von Zwangsläufigkeit zu entgehen.
Übergreifend und grundsätzlich stellt sich für Goehrke die Frage nach der Modernisierungsfähigkeit Russlands. Die Schwäche in der russischen Entwicklung wird nicht allein mit der autoritären Machtpoli‧tik begründet, sondern liegt nach Goehrke auch in dem durch die geographische Lage bedingten Mangel an politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Wettbewerb in Mittelalter und früher Neuzeit.
Das sich seit dem 15. Jahrhundert herausbildende autoritär geprägte Herrschafts‧system band durch personale Strukturen Bürokratie, Adel und Kirche an sich und wurde nach der Revolution von 1917 auch in die sowjetische Zeit übertragen. Diese Konstella‧tion bildet die Grundlage für den Abstand zwischen Volk und Staat, Nicht-Privilegierten und Privilegierten.
Macht wird in Russland bis heute nicht institutionell stabilisiert, sondern personell. Die Machthaber waren überzeugt, nur sie könnten für das unmündige Volk handeln, und dieses war umgekehrt darauf fixiert, dass nur Väterchen Zar oder Väterchen Stalin den Staat lenken konnten. So ist es für Goehrke der „Zirkel zwischen Staatsmacht und ‚staatsfixierter Gesellschaft‘“, der das russische politische Modell über die Jahrhunderte stabil hielt und die Demokratisierungsversuche 1917 und 1991 ins Leere laufen ließ.
Diese Gemengelage hat soziale Praktiken und Mentali‧täten und mit ihnen Gewalt als Mittel der Konfliktlösung sowie Korruption als Alltagspraxis geprägt. Fehlende institutionelle und öffentliche Kon‧trolle staatlicher Institutionen haben sich bis heute erhalten, und die zivilgesellschaftlichen Kräfte konnten sich, so der Befund, weder im ausgehenden Zarenreich noch nach 1991 dauerhaft durchsetzen. Dabei vertritt der Autor die Auffassung, dass nur diese Kräfte Gesellschaft und Staat in Russland am Beginn des 21. Jahrhunderts anders grundieren könnten. Carsten Goehrke hat ein im Detail zu Diskussionen herausforderndes Buch geschrieben, das für Fachleute und historisch Inter-essierte gleichermaßen aufschlussreich und in seiner Klarheit unbedingt lesenswert ist.




