Von ROLF HEßBRÜGGE
Was man in Rom nicht sieht, gibt es nicht und hat es nie gegeben“, schrieb der christliche Gelehrte des 2. Jahrhunderts Aristides von Athen. Weizen aus Ägypten, Gewürze aus Indien, Seide aus China, Bernstein aus Germanien: „Täglich und zu allen Jahreszeiten legen so viele große Schiffe […] an, dass Rom einer Handelsniederlassung der ganzen Welt gleicht“, staunte Aristides. Als Transportstraßen dienten das Mittelmeer, das Rote und das Arabische Meer und der Indische Ozean. Römische Legionäre in Britannien und Germanien wurden über die Biskaya und die Nordsee mit Material und Lebensmitteln versorgt, darunter jährlich mit Hunderttausenden Amphoren Olivenöl aus Iberien.
Die Amphore gilt als „Frachtcontainer der Antike“ und Rom als erstes Zentrum des internationalen Seehandels – mit erstaunlich effizienten Lieferketten: Quellen legen nahe, dass Feigen aus Karthago (auf dem Gebiet des heutigen Tunesien) schon drei Tage nach der Ernte in den Mägen reicher Patrizier landeten. Rom besaß die Marktmacht, aber auch die nötigen Seefahrt-Kenntnisse und die Infrastruktur, um Güter aus aller Welt mit seinen bauchigen Segelschiffen in die Hauptstadt zu verfrachten. Dabei galt es, abhängig von Wetter, Wind und Strömung, die schnellste Route zu wählen. Fehler waren kostspielig. Je länger ein Törn, desto mehr Frischware verfaulte, desto mehr Heuer für die Seeleute wurde fällig.
Von Alexandria nach Rom
Doch nicht immer war der kürzeste Weg der günstigste, wie Pascal Warnking am Beispiel der wichtigen Handelsroute Alexandria – Rom zeigen konnte. Der Historiker von der Universität Trier ließ sich von der Navigations-Software „Expedition“ die optimale Verbindung zwischen der Hafenstadt der einstigen ägyptischen Kornkammer Roms zur heutigen Kapitale Italiens errechnen – für ein Schiff mit den Fahreigenschaften und der technischen Ausstattung eines römischen Handelsseglers. Heraus kam nicht die direkte Route – Kurs Nordwest, diagonal durchs Mittelmeer, auf die Spitze des italienischen Stiefels zu, dann durch die Straße von Messina (zwischen Stiefelspitze und Sizilien) –, schon gar nicht für antike Schiffe, schon allein wegen der vorherrschenden Winde aus Nordwest. Heutige Yachten könnten notfalls „kreuzen“: zickzack gegen den Wind ansegeln. Römische Schiffe mit ihren Rahsegeln vermochten dies nicht.
Wenn die antiken Kapitäne deshalb so fuhren, wie es die von Warnking genutzte Software empfiehlt, hielten sie sich stattdessen etwa 135 Seemeilen westwärts. Dann hatten sie noch die Möglichkeit, bei Paraetonium (heute: Marsa Matruh, Ägypten) die dort abgebaute Kreide zur Farbherstellung zuzuladen. Anschließend nahmen sie Kurs Nordnordost auf die heutige Region Antalya und passierten Zypern im Westen.





