Wer mit der Bahn von Hamburg in Richtung Norden zur Insel Sylt fährt, kann beim Blick aus dem Fenster nicht nur die idyllische Marschlandschaft Schleswig-Holsteins genießen. Ins Auge stechen auch die zahlreichen Windräder, die aus der flachen Landschaft ragen. Mit rund 2500 Windrädern ist das Land zwischen Nord- und Ostsee bezogen auf seine Fläche bundesweit führend bei der Nutzung der Windenergie. Die Anlagen können rund 25 Prozent des schleswig-holsteinischen Strombedarfs decken. Doch auch anderswo in Deutschland boomt die Windbranche seit Jahren wie kaum eine andere: Bundesweit versechsfachte sich in den letzten fünf Jahren die in Windenergie-Anlagen installierte Leistung. Während die leistungsstärksten Wind-kraft-Anlagen Anfang der achtziger Jahre maximal 150 Kilowatt brachten, werden heute Rotoren mit einer Leistung von 1,5 bis 2,5 Megawatt und einem Flügeldurchmesser von 70 bis 80 Metern errichtet – Giganten, die sich mehr als 100 Meter hoch über der Landschaft erheben. Ein einziger 1,5 Megawatt-Rotor erzeugt an einem durchschnittlich windreichen Standort genügend Energie, um etwa tausend Vier-Personen-Haushalte mit elektrischem Strom zu versorgen. Insgesamt drehen sich in Deutschland derzeit rund 12000 Windräder unterschiedlicher Leistungsklassen. Tendenz: stark steigend. Allein im Jahr 2001 wurden über 2600 Windenergie-Anlagen neu errichtet. Mit einer installierten Leistung von über 9000 Megawatt – das entspricht etwa der von sieben Kernkraftwerken – tragen sie rund drei Prozent zur Deckung des Energiebedarfs bei. Deutschland ist damit Weltmeister bei der Nutzung der Windenergie – mit großem Abstand vor Ländern wie den USA, Spanien und Dänemark. 2001 entfielen 37 Prozent der weltweit installierten Leistung von etwa 25000 Megawatt auf Windturbinen, die hierzulande stehen. Jede zweite neu errichtete Anlage wurde in Deutschland aufgestellt. Der stürmische Aufschwung der Windenergie-Nutzung in den letzten Jahren ist vor allem eine Folge des seit 1991 geltenden Stromeinspeisegesetzes. Dieses verpflichtet die Energiekonzerne dazu, den aus Windenergie erzeugten Strom in ihre Versorgungsnetze einspeisen zu lassen und dafür eine Mindestvergütung von derzeit 17,8 Pfennig pro Kilowattstunde zu bezahlen. Viele andere Länder – wie Frankreich, Griechenland und Brasilien – haben diese gesetzliche Regelung inzwischen weitgehend kopiert. Trotz der großzügigen finanziellen Förderung haben die Planer und Betreiber von Windenergie-Anlagen immer mehr mit Gegenwind zu kämpfen. Zwar wünschen sich nach einer Studie des Marktforschungsinstituts ipos 83 Prozent der Bundesbürger einen stärkeren Ausbau der Windenergie-Nutzung. Doch wenn neue Windparks in der Nähe von Wohnsiedlungen geplant werden, regt sich häufig Widerstand in der Bevölkerung – wegen einer vermeintlichen Verschandelung des Orts- und Landschaftsbildes oder wegen einer befürchteten Lärmbelästigung durch die kreisenden Windräder. Dabei ist das Brummen oder Surren der Rotoren nach Meinung von Experten kein Thema mehr: Moderne Windturbinen sind besser gedämmt, laufen langsamer – und damit wesentlich leiser – als ältere Modelle. Mehr noch als die oft mangelnde Ak-zeptanz plagt die Branche jedoch die geringe Zahl ausreichend windiger Standorte, an denen sich der Betrieb neuer Rotoren rentiert. „In drei bis vier Jahren werden die Standorte an Land in Deutschland knapp”, sagt Prof. Fritz Vahrenholt, ehemaliges Vorstandsmitglied der Shell AG, Ex-Mitglied des Hamburger Senats und nun Chef des WindanlagenHerstellers Repower Systems in Hamburg. Deshalb zieht es die Anlagenbauer aufs Meer hinaus. Riesige so genannte Offshore-Windparks sollen in den nächsten Jahrzehnten vor den Küsten von Nord- und Ostsee entstehen – und den Anteil der Windenergie am bundesdeutschen Energiemix weiter in die Höhe treiben. Die rot-grüne Bundesregierung unterstützt diese Pläne. Sie sieht im kräftigen Ausbau der Windenergie-Nutzung eine Chance, die Emission von Kohlendioxid in den nächsten Jahren und Jahrzehnten drastisch zu reduzieren. Zudem soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromgewinnung bis zum Jahr 2010 gegenüber 2000 auf 12,5 Prozent verdoppelt werden. Dazu, heißt es in einem im Mai 2001 veröffentlichten Positionspapier des Bundesumweltministeriums, müssten in Deutschland bis 2010 rund 15000 Megawatt Windenergie-Leistung installiert sein, davon 3000 Megawatt auf dem Meer. Die Windenergie könnte dann pro Jahr über 30 Milliarden Kilowattstunden Strom bereitstellen – und damit bundesweit sechs Prozent des Stromverbrauchs decken. Einer Studie des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) in Wilhelmshaven zufolge könnten bis 2030 in Deutschland insgesamt zwischen 36000 und 42000 Megawatt Windenergie-Leistung installiert sein, davon 20000 bis 25000 Megawatt in Form von Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee. Diese würden zusammen eine Fläche von bis zu 2500 Quadratkilometern beanspruchen – das entspricht ungefähr der Größe des Saarlands – und könnten bis zu 110 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. Über diese Schätzungen gehen die bislang beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) eingegangenen Anträge sogar noch deutlich hinaus. Die Behörde ist für die Genehmigung von Windenergie-Parks im Meer außerhalb der 12-Meilen-Zone – der so genannten ausschließlichen Wirtschaftszone – zuständig. Pläne für insgesamt 29 Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee mit einer potenziellen Gesamtleistung von rund 60000 Megawatt liegen den Hamburger Beamten zur Prüfung vor. Der Grund für den Run auf die begehrten Flächen auf See: Nur Windparks, in denen zumindest einige Rotoren bis Ende 2006 in Betrieb gehen, erhalten für zunächst neun Jahre die maximale Vergütung von 17,8 Pfennig pro Kilowattstunde eingespeisten Strom. Die Zeit für Windpark-Projektierer drängt also – zum Beispiel für die Firmen Umweltkontor im rheinländischen Erkelenz, Energiekontor in Bremen, Winkra-Energie in Hannover und Geo (Gesellschaft für Energie und Ökologie) in Enge-Sande in Nordfriesland. Denn nur die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung macht die Offshore-Projekte ökonomisch lohnenswert. Zwar weht der Wind auf See im Mittel stärker, gleichmäßiger und mit weniger Turbulenzen als im Binnenland – Dr. Jochen Twele vom Bundesverband Windenergie in Berlin spricht von einem rund 40 Prozent höheren Energieertrag einer Windenergie-Anlage auf See verglichen mit einer entsprechenden Anlage auf dem Land. Andererseits seien die Kosten für Errichtung, Betrieb und Wartung einer Offshore-Windenergie-Anlage auch etwa 40 Prozent höher als an Land. Erfahrungen gibt es kaum. Zwar existieren in Dänemark, Schweden und den Niederlanden bereits seit einigen Jahren Windenergie-Parks im Meer – zum Beispiel „Middelgrunden” vor Kopenhagen, „Utgrunden” zwischen der Insel Öland und dem schwedischen Festland sowie zwei kleine Parks im Ijsselmeer nördlich von Amsterdam. Diese Windenergie-Parks liegen jedoch allesamt maximal ein paar Kilometer von der Küste entfernt, in Wassertiefen von höchstens fünf bis sieben Metern. Der Bau eines ersten größeren Windpark in immerhin rund 14 Kilometer Entfernung von der Küste, in bis zu 15 Meter tiefem Wasser hat erst im April am „Horns Rev” vor der dänischen Westküste begonnen. In Deutschland haben es die Planer mit weitaus schwierigeren Verhältnissen zu tun: Wegen des Wattenmeers entlang der Nordseeküste, ausgedehnten Natur- und Vogelschutzgebieten, einer intensiven Nutzung durch Bundeswehr und Fischerei sowie den zahlreichen stark befahrenen Schifffahrtsrouten gibt es in unmittelbarer Nähe der deutschen Küste kaum geeignete Standorte. Daher sollen die meisten beantragten Offshore-Windparks mehrere dutzend bis weit über hundert Kilometer vom Festland entfernt errichtet werden – in Meerestiefen von 20 bis 40 Metern.
Dort müssen die Ingenieure die Anlagen nicht nur gegen den Angriff des Meerwassers und die salzhaltige Luft schützen – zum Beispiel durch Einkapseln von empfindlichen Bauteilen wie Getriebe, elektronischer Steuerung oder der gesamten Gondel. Damit die Rotoren Stürmen, Eisschollen und Wellen, die sich auf der Nordsee mitunter über 20 Meter hoch auftürmen, standhalten können, müssen diese durch besonders robuste Fundamente im Meeresboden verankert werden. Weitaus schwieriger als an Land sind auch Reparatur und Wartung der Offshore-Windenergie-Anlagen: Damit sie von Reparaturtrupps erreichbar sind, müssen die Windparks mit Bootsanlegestellen und Hubschrauber-Landeplätzen ausgerüstet werden. Um häufige teure Wartungsfahrten hinaus zu den Rotoren zu vermeiden, entwickeln die Forscher und Ingenieure zudem Systeme zur Fernwartung der Anlagen. „Da die Anlagen nicht immer kurzfristig für das Serviceteam erreichbar sein werden, müssen sie sich weitgehend selbst diagnostizieren können und gegebenenfalls selbstständig auf redundant vorhandene Komponenten umschalten können”, sagt Claus Pescha von dem Windrad-Hersteller Enercon in Aurich. Mithilfe von Sensoren soll der Betriebszustand der Rotoren zudem künftig von einer Leitzentrale an Land überwacht werden können. Der erste und bisher einzige von der Hamburger Schifffahrtsbehörde genehmigte Windpark „Borkum-West” soll in der Nordsee, rund 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum entstehen – und wird der weltweit erste Offshore-Windpark außerhalb der 12-Meilen-Zone sein. Gebaut wird er von Prokon Nord Energiesysteme, einem Unternehmen aus dem ostfriesischen Leer. Zu Beginn der Pilotphase wollen die Prokon-Planer zwölf Rotoren ins rund 30 Meter tiefe Wasser stellen. Bereits im Herbst 2003 sollen sie den ersten Strom produzieren. Geschätzte Kosten für das Pilotprojekt: 125 bis 140 Millionen Euro. Mit dem Bau soll im Frühjahr kommenden Jahres begonnen werden: mit dem Verankern von rund 800 Tonnen schweren dreibeinigen Stahlfundamenten im Meeresboden und dem Verlegen eines 112 Kilometer langen Hochspannungs-Seekabels. Es soll den Strom vom Windpark über die Inseln Norderney aufs Festland bei Hilgenriedersiehl und weiter zum Umspannwerk in Emden-Börßum leiten, wo er ins Netz des Energieversorgers E.ON eingespeist wird. Der Zeitplan für die Errichtung des Offshore-Windparks ist eng. Denn die vorgesehenen Windturbinen mit einer Leistung von fünf Megawatt kann bisher keine Herstellerfirma liefern. Um die hohen Kosten eines Offshore-Windparks bei der Stromerzeugung durch eine möglichst effektive Nutzung des Windenergie-Potenzials wieder einzufahren, sind aber solche extrem leistungsstarken Turbinen erforderlich. Ein erstes Rotor-Monster mit einer Leistung von 4,5 Megawatt, dessen Flügel einen Durchmesser von 113 Metern besitzen und in einer Nabenhöhe von etwa 120 Meter angebracht sind, will die Firma Enercon im Herbst dieses Jahres auf dem Gelände der Rotorblattfabrik in der Nähe von Magdeburg aufstellen und mehrere Monate lang in der Praxis testen. „Bei Rotordurchmessern von mehr als 100 Metern und Rotorkreisflächen von bis zu einem Hektar werden dynamische Lasten erreicht, die man zwar berechnen kann, mit denen es aber bisher keine praktischen Erfahrungen gibt”, sagt Enercon-Mitarbeiter Claus Pescha. Mit einer Gesamthöhe von 170 Metern überragt der Windrad-Gigant das Ulmer Münster um 8 Meter. Andere Windturbinenbauer wie die Hamburger Repower Systems, Pfleiderer Wind Energy im oberpfälzischen Neumarkt oder der dänische Weltmarktführer Vestas arbeiten ebenfalls fieberhaft an der Entwicklung von Anlagen mit 4,5 bis 5 Megawatt Leistung. Wann auch immer sich die zwölf Rotoren in „Borkum-West” zu drehen beginnen werden – sie sollen lediglich der Anfang sein. In weiteren Ausbaustufen soll der Windpark bis 2010 auf über 200 Rotoren mit einer Gesamtleistung von rund 1000 Megawatt erweitert werden. Ob es dazu kommen wird, wollen die Beamten am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie jedoch erst nach einem dreijährigen Probebetrieb der ersten zwölf Anlagen entscheiden. Wegen der bisher fehlenden Erkenntnisse über die Auswirkungen der Windräder auf die Sicherheit des Schiffsverkehrs und die Meeresumwelt will Peter Ehlers, Präsident der Behörde, zunächst auch für die übrigen beantragten Windparks nur Pilotprojekte genehmigen. Auf der Antragsliste stehen unter anderem Projekte vor Amrum („Amrumbank”, 1250 Megawatt), westlich von Sylt („ Dan-Tysk”, 1500 Megawatt und „Sandbank 24″, 4950 Megawatt) sowie mehrere Windparks in der Ostsee vor Rügen mit einer Leistung von zusammen über 2000 Megawatt. Umwelt- und Naturschutzverbände wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (Bund) befürchten, dass die Meeresfauna in den betroffenen Gebieten schon während der Errichtung der Windenergie-Anlagen und Seekabelverbindungen empfindlich gestört werden könnte. Schweinswale zum Beispiel, die mithilfe von Schall ihre Beute orten, sich orientieren und untereinander verständigen, könnten durch Maschinen, die Pfähle in den Boden rammen oder den Meeresgrund für die Verlegung von Seekabeln aufgraben, gestört und vertrieben werden. Auch für Seevögel sehen Naturschützer mögliche Gefahren durch die geplanten Windparks. Denn die deutschen Küstengebiete sind als Rast- und Überwinterungsgebiet für viele Meeresvögel wichtig. Zwar belegen mehrjährige Beobachtungen im Bereich von Windenergie-Anlagen im Binnenland, dass sich dort die meisten Vögel von den Rotoren kaum beeindrucken lassen und auch nur wenige Tiere einer Kollision mit den Windrädern zum Opfer fallen. Doch es ist nicht sicher, ob sich das ohne weiteres auf Offshore-Windparks übertragen lässt, die höher und wegen des Meeresrauschens für die Vögel akustisch schlechter wahrnehmbar sind als die bisherigen Anlagen an Land. Die Betreiber wie Prokon Nord müssen die Pilotphase der Nutzung durch ökologische Studien begleiten, die den Einfluss der Windräder auf die maritime Umgebung dokumentieren sollen. Dazu soll im kommenden Frühjahr mit finanzieller Unterstützung des Bundesumweltministeriums eine Plattform zur Beobachtung der Meerestiere in der Nordsee errichtet werden – dort, wo sich künftig die Rotoren des Windparks „Borkum-West” drehen werden. Schon vor dem Startschuss für den Bau des ersten Offshore-Windparks sammeln die Planungsunternehmen möglichst viele Daten, um die Unbedenklichkeit der Anlagen in Sachen Naturschutz zu belegen. So hat die Firma Umweltkontor, die in der Ostsee nordöstlich von Rügen eine Fläche für die Errichtung von 69 Windenergie-Anlagen für den Windpark „Adlergrund” beantragt hat, für mehrere Monate das polnische Forschungsschiff Oceania gechartert, mit dem die Umweltbedingungen zwischen Rügen und Bornholm erkundet werden sollen. Wissenschaftler des Instituts für angewandte Ökologie in Greifswald vermessen an Bord der Oceania den Meeresgrund in dem Gebiet und nehmen Bodenproben. Zum Beobachten und Zählen von Zug- und Rastvögeln wurde eigens ein Radarmessgerät an Bord installiert. Eher gering ist das Risiko, dass die Windräder im Meer bei einer Kollision mit einem havarierten Schiff zu einer Umweltkatastrophe führen könnten. Das ist das Teilergebnis einer Untersuchung zum Gefährdungspotenzial durch den Windpark „Borkum-West”, der zwischen den beiden Hauptstrecken des Schiffsverkehrs in der Deutschen Bucht liegen wird. Christian Dahlke vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie hält das Restrisiko „für verantwortbar”. Allerdings fürchten Experten wie der Kieler Elektro-Ingenieur Peter Weißpferdt, dass die Kapazität des Stromnetzes in Norddeutschland einem zu raschen und starken Ausbau von Offshore-Windenergie-Anlagen gar nicht gewachsen sein könnte. „ Wenn Politiker, Behörden und Netzbetreiber sich nicht sofort darum kümmern, wie künftig der auf See erzeugte Strom an Land kommen und dann abgeleitet werden soll, dann hat sich das Thema ‚ Offshore‘ von selbst erledigt”, zitiert das Fachblatt Wind-Energie Weißpferdt. Das haben auch die Netzbetreiber erkannt: „Bislang hat E.ON Netz im Zuge von Windkraftprojekten insgesamt über 30 Umspannwerke geplant, erweitert und errichtet sowie etliche Leitungskilometer verstärkt oder hinzugebaut”, berichtet Martin Fuchs, Geschäftsführer von E.ON Netz in Bayreuth. Besonders in Schleswig-Holstein sieht Fuchs dringenden Handlungsbedarf: Dort plant E.ON den Bau von insgesamt drei neuen 110- Kilovolt-Leitungen in Ostholstein und an der Westküste. „ Zukünftige Offshore-Projekte werden netztechnische Herausforderungen in einer neuen Größenordnung darstellen”, prophezeit Fuchs. Ein weiteres Problem: Wegen der je nach Wetterlage sehr stark schwankenden Einspeisung von Windstrom müssen die Energieversorger große Mengen an Reserveleistung zur Verfügung stellen. Sie muss von konventionellen Kraftwerken geliefert werden und sehr kurzfristig verfügbar sein. „Der Bedarf an zusätzlicher Kraftwerksleistung kann derzeit bei bis zu 700 Megawatt liegen. Andererseits können wir bei starkem Wind gezwungen sein, kurzfristig gut 1000 Megawatt ungeplant abzuschalten”, sagt Fuchs. Mit dem weiteren Ausbau der Windenergie-Nutzung und der Fertigstellung der ersten Offshore-Anlagen könne die erforderliche Manövriermasse an Kraftwerksleistung bis zum Jahr 2010 auf bis zu 5000 Megawatt wachsen. „Der heutige Kraftwerkspark erfüllt diese Anforderungen nicht”, betont Fuchs. „Diese Situation kann zu großflächigen Störungen im europäischen Verbundnetz führen”, fürchtet Dr. Matthias Luther von E.ON Netz. Während Umwelt- und Naturschützer, Energiefachleute und Versorgungsunternehmen über Nutzen, Gefahren und Probleme der Offshore-Windparks streiten, rüstet man sich in den Städten entlang der deutschen Küsten bereits für einen anderen Wettkampf: das Rennen um die Ansiedlung von Industrieunternehmen für Montage, Aufbau und Wartung der Anlagen. So beeilen sich etwa Emden, Bremerhaven und Cuxhaven mit der Ausweisung von Flächen für Fabriken, Verladestationen und Testparks für die Riesenrotoren, die sich künftig weit draußen auf dem Meer drehen sollen. Denn die Zahl der Arbeitsplätze in der Windenergie-Branche – derzeit sind es bundesweit rund 35000 – soll nach einer Prognose der IG Metall kräftig weiter steigen: Allein im Jahr 2002, so die Schätzung, werden etwa 3000 neue Stellen in der Windbranche geschaffen.
Kompakt
Vor deutschen Küsten sollen bis zum Jahr 2030 Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von bis zu 25000 Megawatt errichtet werden – genug, um rund 15 Prozent des deutschen Strombedarfs zu decken. Vor Borkum soll bis zum Herbst 2003 der weltweit erste Windpark außerhalb der 12-Meilen-Zone seinen Betrieb aufnehmen. Naturschützer fürchten, dass die Rotoren Meeressäuger vertreiben und Seevögel regelrecht schreddern könnten. Frischer Wind im Rotorwald Modernisierung ist Trumpf bei den Betreibern von Windenergie-Anlagen. Sie wollen viele der in den achtziger und neunziger Jahren errichteten, nach heutigen Maßstäben völlig veralteten Windenergie-Anlagen in den nächsten Jahren Schritt für Schritt durch modernere, leistungsfähigere Anlagen ersetzen. Der Vorteil: So lassen sich die Erträge auf den vorhandenen Windparkflächen steigern, ohne dass dazu neue Flächen erschlossen werden müssen. Nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie existieren derzeit in Deutschland rund 2200 Windenergie-Anlagen mit weniger als 400 Kilowatt und weitere 4900 mit bis zu 750 Kilowatt Leistung. Sie gelten als die bevorzugten Objekte für das so genannte Repowering und könnten bald neuen Anlagen der Megawatt-Leistungsklasse weichen. Diese sind deutlich größer und bringen einen höheren Ertrag an Energie pro Fläche. Außerdem drehen sie sich langsamer als die Relikte aus der Anfangszeit der Windenergienutzung – eine Gelegenheit auch zum „Aufräumen” in der Landschaft: durch den Austausch zahlreicher kleiner durch wenige große Anlagen, die während des Betriebs zudem weniger hektisch wirken. Geballte Technik hinter den Flügeln Die Gondel einer Windenergie-Anlage enthält deren wichtigste technische Bestandteile. Die Rotorblätter wandeln die kinetische Energie des Windes in Rotationsenergie um. Über die Nabe sind sie mit der Antriebswelle des Getriebes verbunden. Dieses setzt die langsame Drehung der Rotorblätter in die schnelle Rotation einer Abtriebswelle um, die sich bis zu mehrere tausendmal pro Minute dreht und einen Generator antreibt, der elektrischen Strom erzeugt. Eine elektronische Regelung prüft ständig die Anlage, führt die Gondel durch einen Motor der jeweiligen Windrichtung nach und bremst die Rotorblätter, etwa bei zu stürmischem Wind. Eine Wasser- oder Luftkühlung schützt den Generator vor Überhitzung. Wasserstoff aus Wind StroM AUS WINDENERGIE auf dem Meer zu erzeugen ist das eine, ihn dorthin zu bringen, wo er benötigt wird, das andere. Das Verlegen langer Seekabel am Meeresgrund, um den Windstrom aus Offshore-Anlagen zum Festland zu übertragen und dort ins Netz einzuspeisen, ist aufwändig, teuer und belastet, je nach Trasse, geschützte Meeresgebiete. Daher tüfteln Wissenschaftler an Techniken, um Wasserstoff als Speicher für Windenergie zu nutzen. Eine Studie dazu stammt von der Gesellschaft für Energie und Ökologie (Geo) im schleswig-holsteinischen Enge-Sande, die den Bau von zwei Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee plant. Die Ergebnisse zeigen, dass es prinzipiell machbar ist, die Offshore-Windenergie rentabel einzusetzen, um Wasserstoff elektrolytisch aus Meerwasser zu gewinnen. Dabei soll der aus der Windenergie erzeugte Strom dazu genutzt werden, das Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zu spalten. Der Wasserstoff könnte dann etwa mit Tankschiffen an Land transportiert werden und als Energieträger zur Stromerzeugung oder als Kraftstoff für Autos mit Verbrennungsmotor dienen. Auch als Brennstoffzellen-Antrieb oder als Rohstoff für die Industrie wäre er zu verwenden. Die größte Herausforderung ist laut Studie die Kapazität der technischen Systeme. Die größte derzeit betriebene Elektrolyseanlage am Assuan-Staudamm in Ägypten hat eine Leistung von 156 Megawatt. Doch um Wasserstoff mithilfe von Offshore-Windenergie rentabel herzustellen, wären Anlagen mit der zwei- bis dreifachen Leistung nötig. Bis eine Wasserstoffgewinnung aus Windenergie in großem Stil Realität wird, dürften noch 10 bis 15 Jahre vergehen.
Ralf Butscher





