Aus unterschiedlichen Mosaiksteinchen wie persönlichen Aufzeichnungen, Briefen und Schriften der Freunde und Widersacher sowie den Erkenntnissen der neuesten Forschungsliteratur setzen die Autoren ein Charakterbild Henry Dunants (1828-1910) zusammen. Ein besonderes Verdienst liegt in der Auswertung französischsprachiger Werke von und über Dunant, die dadurch dem deutschen Leser zugänglich werden. Deutlich herausgearbeitet werden Dunants Widersprüchlichkeit und Radikalität, seine Stärken und Schwächen, sein Organisationstalent und seine Weitsicht, seine Irrtümer und Visionen. Angetrieben von religiösem Enthusiasmus strebte er ebenso nach einem gottgefälligen Leben wie nach wirtschaftlichem Erfolg. Seine Verurteilung wegen betrügerischen Konkurses sowie das gegen ihn gerichtete Betreiben seiner Gegner ließen Dunant ins Elend stürzen und beinahe in Vergessenheit geraten. Denn obwohl Dunant bereits in den 1860er Jahren eine durchaus bekannte Persönlichkeit war, gelang es dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und dessen Präsidenten Gustave Moynier, die Person und Bedeutung Dunants zunächst in den Hintergrund zu drängen. Das von den Autoren gezeichnete Bild zeigt einen Menschen, der auf der einen Seite als humanistischer Visionär und Vater der Genfer Konvention gewürdigt werden kann, auf der anderen Seite als verarmter und psychisch kranker Mann endete, der seinen Lebensabend unwürdig und verbittert in Einsamkeit verbrachte.
Rezension: Philipp Pilson




