Wer sich in den Naturwissenschaften auskennt, wird bald merken, dass sie die Kriterien von Novalis erfüllen – auch wenn man das zunächst nicht glauben mag. Wer zum Beispiel das Fallen von Gegenständen auf die Wirkung einer Schwerkraft zurückführt, erklärt etwas Bekanntes – das Fallen – durch etwas Unbekanntes – das Gravitationsfeld. Und wer versteht, dass Licht sowohl Welle als auch Teilchen sein kann, macht aus einem gewöhnlichen Phänomen – aus einer gewohnten Erscheinung – ein geheimnisvolles Gebilde. Denn wenn Licht zugleich Welle und Teilchen ist, kann man nicht mehr sagen, was Licht eigentlich ist, außer man gibt zu, dass es ein Geheimnis bleibt, wie Albert Einstein am Ende seines Lebens konstatieren musste.
Was nun das Gemeine angeht, das einen hohen Sinn bekommt, so ist damit die Wissenschaft selbst gemeint, die in den Worten, die Bertolt Brecht seinem Helden Galilei in den Mund legt, dafür sorgen soll, die Bedingungen der menschlichen Existenz zu erleichtern. Das ist der hohe Sinn, und die dazu nötigen Handgriffe sind allgemein zugänglich und können von vielen Personen gelernt und ausgeführt werden. Damit fehlt nur noch das vierte Kriterium, nämlich dem Endlichen einen unendlichen Schein zu geben. Und auch, wenn man es nicht glauben mag, aber vor Kurzem konnte man genau dies im Fachmagazin nature entdecken.
In der Ausgabe vom 18. August 2022 findet sich ein Aufsatz, in dem Physiker aus Schottland, Italien und den Niederlanden einen „Evidence for intrinsic charm quarks in the proton“ vorlegen. Es geht um eine Theorie namens Quantenchromodynamik, die Protonen durch Quarks beschreibt, die von Gluonen gebunden werden – mit einer Besonderheit. Die Quantentheorie sagt nämlich voraus, dass es neben den durch Gluonen gebundenen Quarks noch unendlich viele Quark-Antiquark-Paare geben muss, wenn das Innere des Protons mit den sich dort abspielenden Zusammenstößen verstanden werden soll. Die Experten ziehen dann noch ein Quark mit Charm aus ihrem Zylinder, was aber hier übergangen werden soll. Wir können nur staunen darüber, dass die Physik die Welt romantisiert, wo auch immer sie hinschaut. Die Physik romantisiert sie außen bei der Schwerkraft und innen im Proton. Und die blaue Blume der Romantik lockt immer weiter.





