Mit einer Fülle unterschiedlicher Motive läßt der Verfasser so eine farbenprächtige Welt lebendig werden, die uns zugleich in schönen Illustrationen vor Augen tritt. Er befaßt sich mit historischen Personen wie Karl dem Großen oder El Cid, mit Gestalten der Legende wie Ritter Artus, der Päpstin Johanna oder Melusine, dazu mit Fabelwesen wie dem Einhorn oder mit besonderen Sozialgruppen wie den Rittern, Troubadouren oder Jongleuren.
Ein Produkt der Phantasie ist etwa das Schlaraffenland. Diese Vorstellung geht auf ein um 1250 enstandenes Urmanuskript zurück. Der darin erzählte Traum vom Überfluß ist als Spiegel einer von Hungersnöten und kirchlichen Verboten heimgesuchten Welt zu verstehen und wurde später von Pieter Brueghel dem Älteren in seinem Gemälde „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ eindrucksvoll in Szene gesetzt.
Am Beispiel von Burg, Kathedrale und Kloster erläutert Le Goff, warum diese zu Idealbildern des Mittelalters werden konnten. Dem mittelalterlichen Menschen galten sie als Erzeugnisse göttlichen Wirkens auf Erden, die die Allgegenwart göttlicher Macht und die gottgewollte weltliche Ordnung symbolisierten. Neben dieser Ebene schildert Le Goff jedoch auch präzise den so-zialgeschichtlichen Kontext, in dem die Bauwerke und ihre Entwicklung stehen, und geht damit über mentalitätsgeschichtliche Überlegungen hinaus.
Die große Stärke des Bandes, der nicht nur außereuropäische Bildwelten bewußt ausklammert, sondern auch zu einseitig den französischen Raum in den Mittelpunkt stellt, ist die Darstellung der Rezeption: Souverän vermag Le Goff das machtvolle Fortwirken der mittelalterlichen Bildwelt über die Romantik bis heute zu zeigen und zu erklären, warum das Mittelalter noch immer fasziniert.
Rezension: Ziegler, Manuela




