Risiko Impfung? - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusGesundheit & Medizin
Risiko Impfung?
Er beherrschte im Oktober letzten Jahres die Schlagzeilen, weil er sich nicht gegen Covid-19 hatte impfen lassen: Fußballspieler Joshua Kimmich, Leistungsträger des Rekordmeisters FC Bayern und der Nationalmannschaft. Als Grund führte er an, man wisse noch zu wenig über die Langzeitfolgen der Impfungen. Und diese…
Letzter kostenloser Artikel3/3
von FRANK FRICK
Er beherrschte im Oktober letzten Jahres die Schlagzeilen, weil er sich nicht gegen Covid-19 hatte impfen lassen: Fußballspieler Joshua Kimmich, Leistungsträger des Rekordmeisters FC Bayern und der Nationalmannschaft. Als Grund führte er an, man wisse noch zu wenig über die Langzeitfolgen der Impfungen. Und diese Bedenken haben viele.
Wissenschaftler des Projekts Cosmo um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt, die auch Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung ist, wollten im Dezember 2021 von 1234 Ungeimpften wissen, warum sie Impfungen ablehnen. 58 Prozent der Befragten gaben „Angst vor der Impfung“ als Grund an. Auf die Nachfrage, wovor genau sie Angst haben, nannten die meisten die Sorge vor Nebenwirkungen und Impfkomplikationen. Ist diese Sorge berechtigt? Das sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu:
Warum sind persönliche Berichte von Verwandten oder Freunden über Impfkomplikationen kein Beweis für die mangelnde Sicherheit von Impfstoffen?
In der Cosmo-Studie verwiesen viele der Teilnehmer, die sich wegen möglicher negativer Folgen nicht impfen ließen, auf entsprechende Erfahrungen im Freundes- und Bekanntenkreis. Doch wer einzelne persönliche Berichte als Beweis für häufige Impfkomplikationen ansieht, unterliegt einem menschlichen Fehlschluss. Er setzt sich vor allem aus zwei „klassischen“ Denkfehlern zusammen, die Statistikern und Psychologen gut bekannt sind.
Die falsche Kausalität: Das wohl verbreitetste Beispiel ist der Zusammenhang zwischen der Zahl der Geburten und der Zahl der Storchenpaare in Deutschland zwischen 1965 und 1987. Beide Zahlen gingen im gleichen Ausmaß zurück. Daraus kann man aber nicht schließen, dass der Storch die Kinder bringt. Dass Storchen- und Geburtenrückgang zusammenfallen, ist Zufall. Genauso reicht ein zeitlicher Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht aus, um die Impfung für die Beeinträchtigungen verantwortlich zu machen. Robert Wachter, Leiter des Departments für Medizin an der University of California in San Francisco, verdeutlicht das mit folgendem Beispiel: Würde man zehn Millionen US-Amerikanern einen imaginären Impfstoff verabreichen, der keinerlei Nebenwirkungen hat, so ist laut Statistik in den folgenden zwei Monaten trotzdem zu erwarten, dass von den Geimpften 4025 einen Herzinfarkt und 3975 einen Schlaganfall erleiden, 9500 eine Krebsdiagnose erhalten und 14.000 sterben.
Der „Confirmation Bias“: Die Tendenz, neue Informationen so zu interpretieren, dass sie zu unseren Überzeugungen passen, sei „der Vater aller Denkfehler“, so Rolf Dobelli, Autor des Buchs „Die Kunst des klaren Denkens“. Er nennt darin eine Reihe von alltäglichen Beispielen. Das einfachste: „Wer mit der Idee ,Menschen sind gut‘ durchs Leben geht, wird genug Bestätigung für diese Theorie finden. Wer mit der Idee ,Menschen sind schlecht‘ durchs Leben geht, ebenfalls.“ Wer also der Sicherheit von Impfungen nicht vertraut –, egal, aus welchem Grund – wird die Berichte einzelner Impfgeschädigter überbewerten.
Mehr aus Gesundheit & Medizin
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Gesundheit & Medizin.
Warum werden Impfungen, die Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen haben, überhaupt zugelassen?
Klar ist, dass jeder Impfstoff Impfreaktionen hervorrufen kann. Diese sind Ausdruck dafür, dass sich das Immunsystem des Körpers mit der Impfung auseinandersetzt. Sie treten meist innerhalb von einem Tag nach einer Impfung auf und sind vorübergehend. Die häufigsten Impfreaktionen sind Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen und Fieber.
Die klinischen Studien, die für die Zulassung eines Impfstoffs notwendig sind, können sehr seltene Nebenwirkungen nicht aufdecken. So etwa beim Impfstoff Pandemrix, der ab 2009 gegen die Schweinegrippe verimpft wurde: Wie man inzwischen weiß, löst er bei einem von 100.000 geimpften Erwachsenen sowie bei zwei bis sechs von 100.000 geimpften Kindern und Jugendlichen Narkolepsie aus, eine spezielle Schlafstörung. Um solche seltenen Nebenwirkungen statistisch sicher zu erfassen, bräuchte man Hunderttausende Studienteilnehmer. Doch solche Studien wären nicht nur zu teuer, sondern so aufwendig, dass sie die Einführung von wirksamen Impfstoffen sehr stark verzögern oder gar unmöglich machen würden.
Der Ausweg: Behörden – in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) – beobachten die Sicherheit der Impfstoffe nach der Zulassung weiter und sammeln alle Meldungen zu „unerwünschten Ereignissen nach Impfungen“ (Adverse Events Following Immunization, AEFI). Gibt es ernsthafte Hinweise darauf, dass ein Impfstoff schwerwiegende Nebenwirkungen hat, wird seine Verwendung gestoppt.
Letztlich ist die Zulassung also ein Zeichen dafür, dass Experten den Nutzen einer Impfung als weitaus größer einschätzen als das Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen.
Warum kann man dem wissenschaftlichen Einvernehmen über Impfrisiken vertrauen?
Die Wissenschaft verfügt über international gültige Regeln, wie klinische Studien durchgeführt und Daten erhoben werden. Konkurrierende Wissenschaftler überprüfen ihre Arbeiten gegenseitig. Staatliche Behörden kontrollieren, wie die Pharmaindustrie die Studiendaten erhebt und ob sie diese Daten wissenschaftlich korrekt auswertet.
Um frühzeitig zu erkennen, ob zugelassene Impfstoffe schwerwiegende Nebenwirkungen haben, führt etwa das PEI fortlaufend „observed-to-expected“-Analysen durch: Dabei vergleichen die PEI-Mitarbeiter die gemeldete Häufigkeit der unerwünschten Ereignisse nach Impfungen mit den statistisch zufälligen Häufigkeiten in einer vergleichbaren nicht geimpften Bevölkerung. Behörden und unabhängige Wissenschaftler nutzen für solche Analysen statistische Methoden, die über Jahrzehnte immer weiter verfeinert wurden.
Impfkritiker führen häufig an, dass die Experten der Behörden oder der Forschungseinrichtungen am Tropf der Pharmaindustrie hingen und ihnen daher nicht zu trauen sei. Sicherlich sind Expertenaussagen immer auf finanzielle Interessen hin zu prüfen. Doch wissenschaftliche Institutionen und viele Staaten verbessern das System der Kontrolle ständig und machen es transparenter, sodass Täuschungen schwer möglich sind und Interessenskonflikte durchschaubarer werden.
Inwieweit tragen Medienberichte
dazu bei, dass das Risiko von Impfungen überschätzt wird?
Selbst seriöse Journalisten können die Impfskepsis verstärken. Teil ihrer Berufsauffassung ist es, bei kontroversen Themen – etwa aus der Politik – immer Meinung und Gegenmeinung Raum zu geben. Somit lassen sie in ihren Artikeln Wissenschaftler und Ärzte zu Wort kommen, die sich für Impfungen stark ma-
chen – aber ebenso Wissenschaftler und Ärzte, die Impfungen ablehnen und deren Risiken betonen. Dass es sich bei Mitgliedern der letzten Gruppe um Außenseiter handelt, erfahren die Leser, Hörer oder Zuschauer oft nicht. Besonders problematisch ist es, wenn Medien zum Beispiel einen Mediziner als Impfexperten zitieren, der wissenschaftlich nur auf einem Gebiet gearbeitet hat, das keinerlei Berührungspunkte zu Infektionskrankheiten aufweist. „Es bedeutet etwas, wenn man keinen ernstzunehmenden Wissenschaftler findet, der eine abweichende Meinung hat. Dann sollte man den Konsens berichten“, so Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation, gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR).
Auf welche Weise wird sichergestellt, dass alle unerwünschten Ereignisse nach Impfungen gemeldet und damit statistisch erfasst werden?
In Deutschland sind Ärzte gesetzlich verpflichtet, den Behörden gesundheitliche Beschwerden der Patienten zu melden, die über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehen und nicht eindeutig auf andere Ursachen zurückzuführen sind. Auch das Berufsrecht der Apotheker und der Ärzte beinhaltet eine Meldepflicht an Arzneimittelkommissionen. Die darin versammelten Experten geben Empfehlungen für die Anwendung von Arzneimitteln. Das Pharmaunternehmen, das die Zulassung für den jeweiligen Impfstoff besitzt, muss Nebenwirkungen ebenfalls den Behörden melden, wenn sie ihm bekannt werden.
Zu betonen ist: Alle diese Vorschriften gewährleisten nicht, dass tatsächlich jeder Verdachtsfall von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen offiziell gemeldet wird. Denn nicht jeder Geimpfte, der Nebenwirkungen spürt, geht mit seinen Beschwerden zu einem Arzt oder Apotheker. Zudem ist davon auszugehen, dass nicht jeder Arzt jeden Verdachtsfall pflichtgemäß meldet – sei es wegen des Aufwands, weil er die Meldepflicht nicht kennt oder weil er Patientenhinweise nicht ernst nimmt.
Daher kann in Deutschland seit Ende 2012 jeder Bürger sehr einfach online dem PEI gesundheitliche Beeinträchtigungen melden, die er auf eine Impfung zurückführt. 2021 hat das PEI zusammen mit 64 Arzneimittelbehörden aus der ganzen Welt eine Kampagne durchgeführt, um möglichst viele Menschen darüber zu informieren, wie wichtig solche Meldungen für die Sicherheit von Impfstoffen sind. Durch die konsequente Verdachtsfallmeldung, so das PEI, sei es etwa bei den mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 möglich gewesen, schon nach sehr wenigen Monaten Nebenwirkungen zu identifizieren, die in einer Größenordnung von 1 bis 5 Fällen auf 100.000 Impfungen aufgetreten sind. „Je mehr Verdachtsfallmeldungen wir erhalten, umso präziser ist es möglich, das Nutzen-Risiko-Profil einzuschätzen“, erläuterte Stefan Vieths, Vizepräsident des PEI, anlässlich der Kampagne.
Doch auch die Meldemöglichkeit für Bürger schafft das methodische Problem nicht aus der Welt: Die Angabe der relativen Häufigkeit einer Nebenwirkung bleibt ungenau, wenn nicht bekannt ist, wie viele Impfreaktionen nicht gemeldet werden. Um in diesem Punkt voranzukommen, hat das PEI die Smartphone-App SafeVac 2.0 entwickelt. „Sie ermöglicht es, quantitative Auswertungen zu den möglichen Nebenwirkungen zu machen, da die Anzahl der teilnehmenden Personen bekannt ist“, schreibt das PEI. Die Nutzer der App melden nach einer Covid-19-Impfung nicht nur eventuelle Nebenwirkungen, sondern teilen auch mit, wenn diese ausbleiben. „Umso größer die Anzahl der teilnehmenden Personen, desto aussagekräftiger sind die entsprechenden Daten“, so das PEI. Bis Ende November 2021 hatten sich rund 725.000 Menschen mit mindestens einer Impfdosis in der App registriert.
Wie sind die Covid-19-Impfstoffe hinsichtlich ihrer Nebenwirkungen zu beurteilen?
Ein Vergleich mit etablierten Impfstoffen gegen Grippe und gegen Masern-Mumps-Röteln (MMR) hilft, die Risiken der mRNA-Covid-19-Impfstoffe einzuordnen. Tatsächlich sind bei Covid-19-Impfstoffen vorübergehende Reaktionen wie etwa Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Fieber, Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen um ein Vielfaches häufiger als bei Grippe- oder MMR-Impfungen. Solche Impfreaktionen sind unangenehm, gelten aber als zumutbar.
Die Analyse eines internationalen Forschungsteams um den Marburger Psychologen Winfried Rief zeigt einen Effekt, der das Ausmaß der Nebenwirkungen in ein anderes Licht rückt. Das Team wertete zwölf Studien zu unerwünschten Nebenwirkungen bei Corona-Impfstoffen aus. Von den insgesamt rund 45.000 Teilnehmern erhielten fast die Hälfte eine Scheinimpfung. Obwohl sie also ein Placebo bekommen hatten, klagten 35 Prozent der Probanden über Nebenwirkungen. Experten sprechen von einem Nocebo-Effekt. Zum Vergleich: Bei den Menschen, die tatsächlich einen Impfstoff erhielten, berichteten 46 Prozent über Nebenwirkungen.
Neben Impfreaktionen können MMR- und mRNA-Corona-Impfungen auch schwere unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Sie sind allerdings sehr selten (weniger als 10 von 100.000 Geimpften) oder selten (zwischen 10 und 100 von 100.000 Geimpften). Bei MMR-Impfstoffen handelt es sich dabei um eine erhöhte Blutungsneigung aufgrund erniedrigter Blutplättchen-Zahl (sehr selten) und bei den mRNA-Impfstoffen um Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen (selten) sowie um vorübergehende Gesichtslähmungen (selten). Sehr selten kommt es bei allen genannten Impfstoffen zu akuten schweren allergischen Reaktionen.
Wie wahrscheinlich sind Langzeit-
komplikationen von Impfungen?
Üblicherweise versteht man unter Langzeitkomplikationen Nebenwirkungen, die erst mit einer Verzögerung von vielen Monaten oder Jahren auftreten. Das PEI schreibt dazu: „Wir kennen solche sehr spät einsetzenden Nebenwirkungen von Impfstoffen nicht.“ Denn obwohl es bereits sehr viele zugelassene Impfstoffe gegen unterschiedliche Infektionskrankheiten gibt, hielt kein Bericht über Spätfolgen von Impfungen einer wissenschaftlichen Überprüfung stand.
Der oft behauptete Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus beruht sogar auf einer gefälschten Studie. Die Fachzeitschrift The Lancet, in der sie 1998 erschienen war, zog sie 2010 offiziell zurück, nachdem die britische Ärztekammer geurteilt hatte, die Forschungsergebnisse seien in unehrlicher und unverantwortlicher Weise dargestellt worden. Der Erstautor, der Chirurg Andrew Wakefield, hatte unter anderem von einem Anwalt Geld erhalten, der Eltern autistischer Kinder vertrat. Andere Studien bestätigten den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus nicht.
Dass es bisher bei keinem etablierten Impfstoff zu Spätfolgen kam, bedeutet zwar keine völlige Entwarnung bei neuen Impfstoffen. Doch das geschilderte Zulassungs- und Überwachungssystem bietet eine hohe Sicherheit. Komplikationen, die direkt nach der Impfung auftreten und womöglich jahrelang bestehen bleiben, können allerdings nicht völlig ausgeschlossen werden.
Gesundheit & Medizin
Forscher verändern Gene menschlicher Embryos
10. Juni 2026
Chance und Risiko zugleich: Eine neue Methode der Gen-Editierung könnte helfen, krankmachende Mutationen und Erbkrankheiten schon beim…
Gesundheit & Medizin
Wie Neandertaler-Gene unsere Reaktion auf DNA-Viren prägen
9. Juni 2026
Rund zwei Prozent des Erbguts heutiger Europäer stammen von Neandertalern. Die archaischen Genvarianten beeinflussen unter anderem unser…