von Susanne Donner
Dieter Thurm erinnert sich gut an das Jahr 2016, als er für zwölf Monate medizinisch fernüberwacht wurde. „Ich habe mich viel sicherer gefühlt“, sagt der heute 69-jährige Rentner, der mit seiner Frau in Potsdam lebt. Er leidet unter Diabetes und chronischer Herzinsuffizienz. Besonders sein schwaches Herz kann ihm gefährlich werden.
Vor etwa fünf Jahren war er abends in seiner Wohnung zusammengebrochen. Der Rettungsarzt erkannte, dass Thurm kurz vor einem Herzversagen stand. Er zerschnitt dem Mann hastig die Kleidung und legte ihn sofort in ein künstliches Koma. Seither weiß Thurm, dass seine Kurzatmigkeit eine gefährliche Ursache hat. Sein Herz pumpt nur noch schwach.
Als ihm die Ärzte damals im Krankenhaus vorschlugen, sich medizinisch fernüberwachen zu lassen, zögerte er nicht lange. So wurde er 2016 Proband der Fontane-Studie an der Berliner Charité. Diese Studie überprüfte die Wirksamkeit der Telemedizin an mehr als 1500 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Vitalparameter wie Blutdruck, Gewicht und Herzrhythmus liefen in Echtzeit in einem Datenzentrum in Berlin-Mitte zusammen. Die Ärzte und Pflegekräfte sahen dort, wenn Thurms Herz in einen kritischen Zustand driftete. In Minuten, manchmal auch wenigen Stunden, je nach Personalbesetzung, konnten sie einschreiten, ehe das Organ versagte. „Wenn es noch Zeit hatte, haben wir den Betroffenen andere Medikamente oder eine andere Dosierung empfohlen – in Absprache mit dem Hausarzt. In Notfällen haben wir bei einigen Patienten auch einen Helikopter im Garten landen lassen“, sagt Studienleiter Friedrich Köhler von der Berliner Charité.
Unterschätzte Herzschwäche
Die Fontane-Studie markiert einen Meilenstein in der Telemedizin. Denn ihre Ergebnisse gaben den Anlass zu einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses 2021: Die gesetzlichen Krankenkassen müssen künftig die Kosten für Telemedizin bei Herzkranken erstatten. Denn der Fontane-Studie zufolge rettet sie Leben.
„Wir haben allein in Deutschland jedes Jahr rund 300.000 neu Betroffene, in Summe 1,8 Millionen Menschen, die unter einer Herzschwäche leiden. Die Telemedizin für diese Gruppe wird in den nächsten Jahren einen großen Aufschwung nehmen“, erwartet Köhler.
Dabei verniedlicht der Begriff „Herzschwäche“ eine schreckliche Krankheit. Das Herz pumpt nicht mehr ausreichend Blut. Dadurch erhält das Gewebe zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe, Organe leiden. Die Betroffenen bekommen mitunter unvermittelt Luftnot. Sie brechen zusammen und fallen in Ohnmacht. Wenn das Herz das sauerstoffarme Blut aus den Beinen nicht ausreichend abtransportiert, staut sich manchmal Flüssigkeit bis in die Lunge. Bei jedem Fünften mit Herzschwäche passiert das. Dann heißt es, „Wasser“ sei in der Lunge. Ärzte nennen das Dekompensation – es ist ein lebensbedrohlicher Zustand. „Die erste Dekompensation im Verlauf einer Herzschwäche ist ein Einschnitt. Mit Glück übersteht man das, aber man ist danach nie mehr wie zuvor. Von da an ist die Überlebenszeit im Schnitt auf zwei bis drei Jahre begrenzt“, erklärt Köhler.





