Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Haus 14, erster Stock, Intensivstation für Früh- und Neugeborene. Zutritt für Unbefugte verboten. “Ziehen Sie bitte keimfreie, chirurgische Kleidung an und desinfizieren Sie sich die Hände”, sagt eine Stimme durch die Sprechanlage. “Ein eingeschleppter Krankheitserreger ist für Frühgeborene lebensgefährlich.”
Abgeschottet von der Außenwelt liegen die Zwillinge Pascal und Amila – verkabelt und nur mit einer Windel bekleidet – in ihren kleinen “Überlebensstationen” aus Plexiglas. Ihr Geburtsgewicht: 530 und 540 Gramm. Ihre Größe: 37 und 39 Zentimeter. Auf der roten, glasigen Haut kleben Elektroden und Sensoren, die rund um die Uhr Herz, Atmung, Körpertemperatur, Blutdruck und die Konzentration von Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut überwachen. Da dieKinder nicht selbständig atmen können, bläst ihnen eine Maschine durch einen Schlauch vorgewärmte, feuchte Luft mit zusätzlichem Sauerstoff in die Lunge. Über einen Katheter an der Vene erhalten die beiden “Frühchen” energiereiche Nahrung aus dem Infusionsbeutel. Seit ihrer Geburt – nahezu vier Monate zu früh – hängt ihr Leben an einem seidenen Faden.
“Der erste Besuch war für uns nicht leicht”, sagt die 32jährige Mutter. “Diese Handvoll Mensch in dem durchsichtigen Plastik-Kasten sollten unsere Kinder sein. Beide sahen sie noch so zerbrechlich aus. Der Arzt sagte uns, daß bei jedem zweiten extrem unreifen Frühchen bleibende Schäden auftreten, aber auch, daß jedes noch so kleine Kind seine eigene Geschichte und sein eigenes Schicksal hat. Mittlerweile sehe ich die vielen Schläuche gar nicht mehr und bin froh, daß beide leben.”
Trotz des Geburtenrückgangs nimmt die Zahl der Frühgeborenen in Deutschland stetig zu: 1994 kamen 341 extrem unreife Babys mehr zur Welt als 1991. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden waren 1994 unter den lebendgeborenen 769603 Säuglingen 7140 Leichtgewichte, die bei ihrer Geburt weniger als 1500 Gramm auf die Waage brachten.
Während in den siebziger Jahren fast kein Baby mit einem Geburtsgewicht von 750 bis 1000 Gramm eine Überlebenschance hatte, schaffen es derzeit mehr als 60 Prozent von ihnen – und bei etwa 80 Prozent fällt der übereilte Lebensstart später nicht mehr auf: Sie holen ihr Wachstumsdefizit innerhalb der ersten zwei Jahre auf und entwickeln sich völlig normal.
Anders sind jedoch die Prognosen bei Frühgeborenen, die noch weniger wiegen oder in der 24. Schwangerschaftswoche – also vier Monate vor dem errechneten Geburtstermin – auf die Welt kommen. “Hier stoßen wir an die physiologische Grenze der Behandelbarkeit”, sagt Prof. Volker von Loewenich, Leiter der Neugeborenen-Station an der Universitätsklinik in Frankfurt (siehe auch Interview “Wer entscheidet über das Leben?”, Seite 25). “Da Gehirn und Lunge in diesem Stadium noch stark unterentwickelt sind, ist das Risiko einer späteren Behinderung bei diesen extrem unreifen Frühgeborenen nach wie vor unverändert hoch: Jedes zweite bleibt geistig und körperlich zurück. In schlimmen Fällen drohen Wasserkopf, Spastik, Lähmungen, Blindheit, chronische Lungenerkrankungen, Hörschäden und geistige Behinderung.”
Werden die kleinen Patienten jedoch vom Säuglingsalter an intensiv betreut, verringert sich die Zahl der Behinderungen bis zum Erwachsenenalter beträchtlich. Durch eine individuelle Krankengymnastik, spezielle Lernprogramme sowie Ernährungspläne und häufige Therapiegespräche ist es der Kinderärztin Prof. Ingeborg Brandt vom Zentrum für Kinderheilkunde der Universität Bonn zusammen mit ihren Mitarbeitern gelungen, die Behinderungen deutlich zu reduzieren. Das Ergebnis ihrer mehr als 20jährigen Langzeitstudie mit Frühchen unter 1500 Gramm: Alle 108 Patienten konnten im Erwachsenenalter laufen – und nur drei von ihnen hatten leichte Gehstörungen. Neun hatten Lernschwierigkeiten und nur vier waren auf beiden Augen blind.
“Viele der ehemaligen Frühchen haben Abitur gemacht und studieren jetzt”, sagt Ingeborg Brandt. “Die aufwendige Betreuung hat sich allemal bezahlt gemacht. Allerdings muß man bei den Ergebnissen berücksichtigen, daß die Studie in den siebziger Jahren begonnen hat und damals extrem unreife 500-Gramm-Babys gar keine Überlebenschance hatten. Heute gilt auch für diese Allerkleinsten, daß man sie keineswegs ihrem Schicksal überlassen darf und mit Beratungen sowie Therapiemaßnahmen viel erreichen kann.”
Nicht nur eine Langzeit-Behandlung, sondern auch die Zeit gleich nach der Geburt prägt die Zukunft der Winzlinge: In den ersten Lebensstunden wirkt sich insbesondere Streß fatal auf extrem unreife Frühgeborene aus. Denn die dadurch hervorgerufenen Blutdruckschwankungen lassen die äußerst empfindlichen Blutgefäße in der Wand der Gehirnkammern platzen. Schuld an solchen Hirnblutungen ist vor allem eine komplizierte Geburt, ein Transport in eine entfernte Spezialklinik oder ein klinischer Eingriff.
Durch eine besonders sanfte Behandlung und Pflege konnte das Auftreten schwerer Hirnblutungen in den vergangenen zehn Jahren halbiert werden. Dennoch treten inDeutschland jährlich rund 1000 Fälle auf, bei denen das Blut in die Ventrikel dringt und sich mit dem Gehirnwasser vermischt. Verstopft ein Blutgerinnsel den lebenswichtigen Verbindungskanal zwischen Gehirn und Rückenmark, kann dadurch ein Wasserkopf entstehen. Wenn der Chirurg schnell genug eine künstliche Ersatzleitung vom überfüllten Ventrikel in ein Blutgefäß kurz vor dem Herzen legt, kann sich das Kind weitgehend normal entwickeln.
Oft kommt die Rettung aber zu spät, oder die Behandlung muß wegen zu schwerer Folgeschäden abgebrochen werden. “Wenn die Entwicklungschancen eines Frühgeborenen durch eine gravierende Hirnblutung zu schlecht sind, ist es unsere ärztliche Pflicht, ihm Leiden zu ersparen, statt sein Leben mit aller medizinischen Kunst zu verlängern”, sagt Prof. Gerhard Jorch, Leiter der Neonatologischen Abteilung der Universitäts-Kinderklinik in Münster. Um die Häufigkeit von Hirnblutungen weiter zu senken, haben sich Forscher vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert mit Spezialisten für Frühgeborene von der Universitäts-Kinderklinik in Münster zusammengetan: Ein neuer Ultraschall-Sensor soll die Hirnschlagader der Kleinen jetzt permanent überwachen.
Mit Ultraschall läßt sich zwar bisher schon die Geschwindigkeit des fließenden Bluts ermitteln. Doch dazu muß der Arzt die Hirnschlagader erst durch manuelles Schwenken des Prüfkopfs ausfindig machen. Um Frühgeborene in Zukunft weniger zu belasten und zudem ständig im Visier zu haben, bekommen die Säuglinge bei der neuen Methode eine Haube mit dem Mini-Sensor aus 128 Einzelelementen aufgesetzt.
Der Vorteil: Wenn das Kind sich bewegt und dreht, findet das neue Meßsystem innerhalb von einer Sekunde das kaum zwei Millimeter große Blutgefäß automatisch wieder. So läßt sich die Gefahr einer Schlaganfall-ähnlichen Hirnblutung früher erkennen. Und: Der Arzt kann sofort versuchen, den erhöhten Blutfluß beispielsweise mit Hilfe von Medikamenten zu drosseln.
Nicht nur das Gehirn, sondern auch die Lunge ist in der 25. Schwangerschaftswoche – wie bei den Frankfurter Zwillingen Pascal und Amila – noch nicht funktionstüchtig. Um die Reifung der Lunge noch zwei Tage vor der Geburt künstlich zu beschleunigen, hilft manchmal die Gabe von Corticosteroiden. Drängt der Winzling jedoch vor einer solchen Behandlung auf die Welt, leidet er in der Regel unter Atemnot: Da sich die stabilisierende Phospholipid-Schicht (Surfactant-Faktor) auf den Lungenbläschen noch nicht gebildet hat, fallen sie wie leere Luftballons beim Ausatmen in sich zusammen.
Der mittlerweile industriell hergestellte Wirkstoff sowie eine vorsichtige Hochfrequenzbeatmung unterstützen zwar die Lungenfunktion der Kleinen äußerst schonend, trotzdem kommt es zu Schäden: Viele der Bläschen platzen, Wasser lagert sich im Gewebe an, und die Lunge verliert ihre Dehnbarkeit. Außerdem kommen nicht alle Frühchen mit dieser Art von Ersatz-Lunge zurecht.
Bei solchen Patienten riskierten US-Forscher der State University of New York in Buffalo vor kurzem eine außergewöhnliche Behandlung: Sie füllten die Lunge der Kinder mit einer Sauerstoff-transportierenden Flüssigkeit. Aus Versuchen an Tieren wußte man, daß der dabei verwendete flüssige Fluorkohlenstoff an die Lungenbläschen Sauerstoff abgibt und im Gegenzug Kohlendioxid aufnimmt. Die klinischen Studien bestätigten nun, daß sich mit dieser Methode sowohl Gasaustausch als auch Lungenfunktion verbessern lassen. Es gelang den amerikanischen Ärzten mit der neuen Beatmungstechnik – bei der abwechselnd Gas und Flüssigkeit in die Lunge geblasen wird -, sieben von zehn Säuglingen mit Atemnot das Leben zu retten.
“Angesichts der Tatsache, daß keines dieser schwerkranken, extrem unreifen Frühgeborenen sonst überlebt hätte und außerdem die unkonventionelle Behandlung nicht die Todesursache war, ist dies ein beachtlicher Erfolg”, sagt die Berliner Früh- und Neugeborenen-Spezialistin Dr. Gabriele Kewitz vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin. “Erstaunlich ist, daß offenbar weniger Schäden als bei bisherigen Beatmungsmethoden entstehen. Weitere klinische Studien müssen jetzt zeigen, ob die Flüssigatmung sich für die klinische Praxis eignet.”
Auch die Intensivmediziner haben inzwischen erkannt, daß Apparate nicht allein das Schicksal der Winzlinge bestimmen. Ein solcher Bewußtseinswandel hat beispielsweise an der Universitäts-Kinderklinik in Heidelberg dazu geführt, daß statt 80 Prozent derzeit nur noch 40 Prozent der kleinen Patienten künstlich beatmet werden. “Wir richten uns nicht mehr nach starren Gewichtsgrenzen”, sagt Prof. Otwin Linderkamp, Leiter der Heidelberger Neugeborenen-Intensivstation. “Vor jeder künstlichen Beatmung wägen wir die Notwendigkeit mit den möglichen Spätfolgen individuell ab.”
Zu früh, zu unreif und zu verletzlich – die ersten Wochen ihres Lebens verbringen Frühgeborene in einer Welt aus Chrom, Plexiglas und Technik. Aus den Überlebenskästen kommen sie nur heraus, wenn sie untersucht werden müssen oder auf dem Bauch der Mutter schlafen dürfen.
Wie eine Studie der Heidelberger ergab, bekommt den Kleinen dieses “Känguruhen” ausgesprochen gut: Die Körpertemperatur der extrem kälteempfindlichen Säuglinge steigt um ein halbes Grad, und die Sauerstoffwerte im Blut – als ein Indiz für Streß – bleiben konstant.
Ob sie sich wohlfühlen oder Schmerzen empfinden, drücken die Kleinen in ihrer Mimik aus. “Sie sind schon richtige Persönlichkeiten”, sagt die Mutter der Frankfurter Zwillinge, die in einem Schaukelstuhl sitzt und ihre kleine Tochter zärtlich an sich drückt. Während Amila dort in aller Ruhe schläft, strampelt ihr Zwillingsbrüderchen im Inkubator. Ab und zu zieht er lässig eine Augenbraue hoch, als wollte er einem zuzwinkern – doch seine Gedanken sind weit von dem Geschehen ringsum entfernt: Er befindet sich mitten in der REM-Phase eines offenbar sehr ereignisreichen Traums.
Inwieweit man den Frankfurter Zwillingen ihren überstürzten Lebensstart später anmerken wird, ist noch nicht absehbar. Doch Überraschungen gibt es immer wieder, wie die Bonner Studie zeigt: Während ein Frühchen als Zweijährige im Vergleich zu termingerecht geborenen Kindern in ihrer geistigen Entwicklung auffällig zurück war, schnitt sie bei einem IQ-Test im Erwachsenenalter sogar überdurchschnittlich gut ab.
Barbara Reye





