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Rettet den Turm!
Die Verbindung aus Ruine und moderner Architektur machte die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche über Jahrzehnte hinweg zum Symbol West-Berlins. Dabei tobte um diese Verbindung eine der heftigsten Architekturdebatten der Berliner Nachkriegsgeschichte.
Die von 1891 bis 1895 erbaute alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war ein gewaltiger Bau, der Turm mit 113 Metern der höchste der Stadt. Architekt war der Kölner Franz Schwechten, der sich in seinem Entwurf an der rheinischen Spätromanik orientierte. Auch die Innenausstattung fiel prächtig aus: “Die Kirche, welche… dem Andenken des Hochseligen Kaiser Wilhelm I. geweiht werden wird, muß dieser hohen Bestimmung gemäß würdig gehalten sein”, hatten es bereits die “Concurrenz-Bedingungen” des 1890 ausgeschriebenen Wettbewerbs gefordert.
Mit dem Ende der Kaiserherrlichkeit 1918 änderte sich auch die Haltung zu deren Symbolen. Die zuvor zumindest amtlicherseits hoch gepriesene Neo-Architektur machte einer neuen Sachlichkeit Platz. Ein weiteres kam hinzu: Betrachtet man Bilder von der Umgebung der Gedächtniskirche aus der Zeit der Jahrhundertwende, so kommt einem unvermittelt der Begriff der Idylle in den Sinn. Bäume, Blumenbeete und Parkbänke…Was für ein Kontrast zu der Situation nur wenige Jahrzehnte später: “Gegen 5 Uhr hielten etwa 320 Autos um die Kirche und konnten nicht weiter; trotz Einschreitens gegen das übermäßige Hupen… konnte es nicht verhindert werden, daß ein ohrenbetäubendes Geräusch gemacht wurde… Um 5 Uhr 12 Minuten fuhr mich eine Limousine von hinten an… Um 5 Uhr 15 Minuten mußte der ganze Verkehr angehalten werden, da ein Terrier sich zwischen den Wagen umhertrieb und seine Besitzerin… einen Schreikrampf bekam” – so weit die Notizen des “Polizeiwachtmeister Lehmann”, wiedergegeben von dem Schriftsteller Leonhard Frank 1929. Für viele gab es da nur eine Lösung: Das Verkehrshindernis “Gedächtniskirche” mußte weg!
Was die Berliner Automobil-Lobby nicht erreichte, schafften die Bomben des Zweiten Weltkriegs: Bei einem Luftangriff am 23. November 1943 wurde die Kirche schwer getroffen. Doch selbst die Ruine hatte noch monumentale Ausmaße, und der 68 Meter hohe Torso des Turms wurde rasch zu einem Mahnmal des Krieges.
Bereits Anfang 1947 sprach sich das Kuratorium der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in seiner ersten Sitzung nach dem Krieg für den Wiederaufbau des Gotteshauses aus – wohingegen die städtischen Behörden spätestens seit 1948 dafür plädierten, “einen andern Platz als den Trümmerplatz der Kirche als Bauplatz zu wählen”. Die “Enttrümmerung” würde zu hohe Kosten verursachen, zudem käme “ein Wiederaufbau der Kirche in der alten, völlig insularen Stellung… unter keinen Umständen in Betracht. Davon abgesehen dürfte nach Grundsätzen des modernen Städtebaus die Kirche in einer so wichtigen Geschäftsgegend… ohnedies nicht mehr den Mittelpunkt bilden. Es würde sich vielmehr empfehlen, sie ganz am Rande eines solchen Gebietes aufzustellen.”
Doch das Kuratorium ließ sich davon nicht beirren. 1954 beauftragte es völlig überraschend und nachdem ein zuvor beschlossener Wettbewerb wieder abgesagt worden war, den Architekten Werner March mit dem Bau der “neuen” Gedächtniskirche. March behielt den alten Turm als Ruine bei und setzte daran, direkt anschließend, ein “völlig modernes Langhaus, ein Stahlbeton-Tonnengewölbe mit parabolischem Querschnitt, das schon im Modell ausgezeichnet wirkt”, wie der Berliner “Tagesspiegel” im März 1954 begeistert vermerkte. Dagegen sahen die Verkehrsplaner jetzt endlich die Gelegenheit gekommen, den Platz für den Straßenbau zu nutzen und empfahlen einen Neubau der Kirche an anderer Stelle. Als Blickfang auf dem Breitscheidplatz könne statt der Kirche eine Springbrunnenanlage entstehen, ließ ein “maßgeblicher Vertreter der Bauverwaltung” den “Tagesspiegel” wissen. Und ein Leserbriefschreiber regte an, das Ganze mit “bengalischem Feuer” zu beleuchten.
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Schließlich legte auch Bausenator Schwedler der Kirchenleitung nahe, “von ihrer bisherigen Ansicht, es müsse eine repräsentative Kirche im Mittelpunkt des neuen Westens errichtet werden, abzuweichen und sich mit einem Neubau an anderer Stelle einverstanden zu erklären”. Und wenn die Kirchenleitung partout an einem Neubau am bisherigen Platz festzuhalten gedenke, dann auf keinen Fall entsprechend dem Marchschen Entwurf. In diesem Fall empfahl Schwedler “den Bau eines schlichten Gotteshauses in gewissem Abstand vom Hauptturm”. Schließlich müsse man sich auch die Möglichkeit von “Wagenabstellplätzen” offenhalten. Klar stellte Schwedler auch, daß der Senat nicht bereit sei, sich an der Finanzierung des Wiederaufbaus an alter Stelle zu beteiligen.
Trotz der scheinbar verfahrenen Situation gelang es Bausenator Schwedler und Generalsuperintendent Pack nach langen Gesprächen im August 1955 “volles Übereinkommen” zu erzielen. Kirche und Kuratorium beharrten nicht mehr auf dem Marchschen Entwurf (der auch in der Fachwelt zunehmend kritisiert wurde), und die Senatsverwaltung gab ihren Widerstand gegen einen Neubau an alter Stätte auf. Ebenso einigten sich Schwedler und Pack darauf, die Ausschreibung eines beschränkten Architektenwettbewerbs zu empfehlen, “mit dem Ziel… das äußere Bild der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche neu zu gestalten.”
Tatsächlich schrieben Kuratorium und Senat nun einen Wettbewerb aus, an dem sich neun Architekten beteiligten. Schon zuvor war in den Wettbewerbsbedingungen festgelegt worden, daß kein Architekt darunter sein sollte, “dessen Lösung avantgardistische Tendenzen ausdrückt. Für den Wiederaufbau dieser Kirche sollen keine gewagten Experimente gemacht werden.” Zudem sollte mindestens einer der von den Architekten einzureichenden Entwürfe “den Raum der gegenwärtigen Turmfundamente” mit einbeziehen.
Die Ergebnisse des Wettbewerbs konnten das Preisgericht – zusammengesetzt aus Architekten, Vertretern von Kirchenleitung und Senat – jedoch nicht “voll befriedigen”. Die Architekten mit den drei besten Entwürfen sollten daher ihre Pläne in einer zweiten Wettbewerbsstufe überarbeiten. Die Entscheidung fiel am 20. März 1957: “Das dreizehnköpfige Preisgericht hat sich gestern… einstimmig für den Entwurf des Karlsruher Architekten Professor Eiermann entschieden. Er sieht an Stelle der Ruine eine moderne, rechteckige Hallenkirche mit einem 76 Meter hohen Turm als Campanile in etwa 30 Meter Abstand vom Kirchenschiff vor”, berichtete der “Tagesspiegel”.
Doch ganz glücklich scheinen auch die Preisrichter an diesem Tag nicht gewesen zu sein. Bausenator Schwedler sprach zwar von einer “relativ optimalen Lösung” und kündigte an, daß sich der Senat an der Finanzierung des Baus mit erheblichen Mitteln beteiligen werde. Und Günter Pohl, der Pfarrer der Gedächtniskirchengemeinde, glaubte zwar, daß mit dem Entwurf Eiermanns alle “noch offenen Wünsche” erfüllt werden könnten. Doch der Pfarrer wußte ebenso um den “wundesten Punkt” des Vorhabens – den Abriß der Turmruine.
Weder Schwedler noch Pohl dürften jedoch mit dem Sturm der Entrüstung gerechnet haben, der sich in den folgenden Wochen Bahn brach. Unbekannte brachten an der Westeite der Turmruine ein Spruchband mit dem Text “Noli me tangere” (Berühre mich nicht) an, und in den Zeitungsedaktionen gingen unzählige Leserbriefe ein und glühten die Telefone: Man müsse sich fragen, ob man im Westen wirklich besser sei “als diejenigen, die jenseits des Brandenburger Tores das Berliner Schloß abgerissen haben. Wir müssen uns vor uns selbst schämen, wenn wir auch bei uns den letzten Rest von Tradition vernichten.”
Auch wenn dieser Vergleich zwischen dem Berliner Schloß und der Gedächtniskirche etwas hinken mochte, sahen sich die Mitglieder des Preisgerichts einem Dauerfeuer der Kritik ausgesetzt. “Wir können doch nicht überall nur Fabrikhallen errichten”, meinte gar ein jüngerer SPD-Parlamentarier, “dem man bisher keine allzu starke Traditionsverbundenheit nachsagte”, wie der “Tagesspiegel” süffisant anmerkte. Auch Bausenator Schwedler ruderte zurück: “Ich wäre der letzte, der die Erhaltung des Turmes verhindern würde, wenn die Kirche an einem anderen Standpunkt errichtet wird.” Diese Meinung habe er bereits vor anderthalb Jahren einmal vertreten. Und Pfarrer Pohl fragte sich laut, “ob wir Kirchenvertreter es uns leisten können, ein so gewaltiges Echo zu überhören”. In dieser Atmosphäre hatten es jene schwer, die weiter für den Abriß der Turmruine plädierten, allen voran Egon Eiermann. Der Architekt war nach wie vor davon überzeugt, daß ein neues Gotteshaus am bisherigen Standort und mit dem gewünschten Größenprogramm nur zu verwirklichen sei, wenn die Ruine abgetragen werde. Wolle man den Turm erhalten, könne in dessen Schatten allenfalls eine kleine Kirche errichtet werden.
Die Zahl derer, die sich offen zum Erhalt der Ruine bekannten, wuchs nun stetig: “Ich fände es sehr traurig, wenn der Turm der alten Gedächtniskirche verschwinden würde”, meinte Willy Brandt, damals Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses. Und Alfred Braun, der Intendant des Senders Freies Berlin, wollte den Turm ebenfalls nur ungern missen. Der Anblick sei “so schön und so berlinisch bei Tag und Nacht”. Doch es gab auch andere Stimmen, wie jene von Professor Redslob, dem früheren Rektor der Freien Universität: “Mit dem zahnstocherartigen isolierten Turm an dieser Stelle kann ich mich nicht ohne weiteres einverstanden erklären.” Ein plebiszitäres Element brachte der “Tagesspiegel” am 24. März 1957 in die Debatte ein: Er startete eine Umfrage, in der aber nicht nur nach Erhalt oder Abriß der Turmruine gefragt wurde. Zwar stand diese Frage naturgemäß an erster Stelle auf dem Stimmzettel, doch es wurde ebenso gefragt, wo bei Erhaltung der Turmruine die neue Kirche gebaut werden sollte, und sogar, ob der jeweilige Leser “grundsätzlich gegen moderne Kirchenbauten” sei. Das Ergebnis der Umfrage war eindeutig: Über 92 Prozent der ausgezählten Stimmen sprachen sich für den Erhalt der Turmruine aus – ein Ergebnis, das auch den Inhalten der unzähligen Leserbriefe entspricht, die in diesen Wochen im “Tagesspiegel” veröffentlicht wurden. So ärgerte sich Bodo May aus Halensee über “die Geschmacklosigkeit des modernen Kirchenstils in Form von Fabrikhallen”; für Theo Worina aus Charlottenburg glich der Eiermannsche Entwurf gar einer “Scheune mit Schornstein”. Doch nicht alle Leser konnten modernem Kirchenbau so gar nichts abgewinnen. 58,8 Prozent “billigten den modernen Baustil”, nur 33,5 Prozent lehnten ihn ab.
Interessant ist, daß die Kirche gar nicht so sehr aus religiöser Sicht betrachtet wurde. Für M. Sommer aus Grunewald “war und ist dieser Turm das markanteste Symbol des Kurfürstendamms”. Und Aribert von Zech räumte zwar ein, daß die alte Gedächtniskirche kein “überragendes Kunstwerk” gewesen, aber doch “zutiefst als Wahrzeichen Berlins, als ein Stück älteren Berlins mit einem guten Schuß preußischer Erinnerung im Herzen unzähliger, vor allem älterer Berliner verankert” sei. “Warum will man ihnen nach so viel schmerzlichen Zerstörungen nun auch noch dieses alte Bild rauben?” Auch der Aspekt des Mahnmals wurde nun häufiger in die Debatte eingebracht: “Professor Eiermanns neue Kirche wird – und wenn sie noch so schön werden würde – nie so geliebt werden, wie der alte Turm, der den Bomben so mannhaft getrotzt hat, der es verdient, für die Zukunft als Mahnmal zu dienen.” In diesem Sinn meint Professor Wassili Luckhardt aus Dahlem, selbst Architekt, “daß die Allgemeinheit allmählich und endlich sich bewußt geworden ist, daß nach der Zerbombung aus einem wegen seiner Stillosigkeit kritisierten Bauwerk heute gewissermaßen ein Kunstwerk geworden ist, das der amerikanische Bildhauer Alexander Calder im Hinblick auf seine Form und seine Umgebung als die vielleicht großartigste abstrakte Plastik der Welt bezeichnet hat.” Die Erscheinung dieses Bauwerks als Mahnmal sei “von immer zwingenderer Gestalt”.
Ab und an finden sich in den Leserbriefen jedoch auch andere Stimmen: “Wer Berlin weltstädtischen Charakter zugesteht, muß eine kompromißlose und kühne Lösung dieses Problems begrüßen”, schrieb Dr. Hans-Joachim Weise aus Neukölln. Die Turmruine fand er “ausgesprochen häßlich und die Idee absurd, sie als Mahnmal stehen zu lassen. Deutliche Worte fand auch Professor Walter Rossow, der Vorsitzende des Deutschen Werkbundes: Schon 1950 habe darüber Einigkeit bestanden, eine neue Kirche zu bauen – und daran habe sich nichts geändert. “Wahrhaft erstaunlich ist dagegen der Sturm im Blätterwald, der mit Gemütsbewegung allein nicht mehr zu erklären ist. Wie wäre es, wenn man Persönlichkeiten mit Sachverstand sich äußern ließe? Jedem Fußballspiel wird diese Ehre selbstverständlich angtetan.” Wenn auch die Umfrage des “Tagesspiegel” nicht repräsentativ war, so konnte die Kirche diese und andere Formen des Protests gegen den Abriß der Turmruine wohl nicht dauerhaft ignorieren. So war der Beschluß, den das Kuratorium der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 25. März 1957 fällte, nur folgerichtig: Der Turm bleibt stehen. Und zwei Tage später erklärte auch Bausenator Schwedler, “auf die in Sachen Gedächtniskirche festgelegte Bindung zwischen dem… Zuschuß der Stadt und dem preisgekrönten Entwurf zu verzichten.” Er halte es “für möglich, auf der Basis des ersten Entwurfs von Professor Eiermann, der ein rundes Kirchenschiff vorsah, zu einer Einigung zu kommen”.
Doch was hielt der Architekt von alledem? Nach der grundsätzlichen Einigung zwischen Kuratorium und Senat begab sich Egon Eiermann selbst nach Berlin – ohne sich von vornherein geschlagen zu geben: Die Ruine, so Eiermann, sei ein “Steinhaufen”, ein “fauler Zahn”, der seine Berechtigung verloren habe, nachdem das Kirchenschiff abgerissen worden sei. Es sei zu prüfen, “ob neben dem alten Turm überhaupt ein moderner Kirchenbau errichtet werden kann”.
Doch das Kuratorium blieb hart, insbesondere zwei seiner wichtigsten Mitglieder: Bischof Otto Dibelius und Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Der Chef des früheren Kaiserhauses drohte offen mit seinem Austritt aus dem Kuratorium, falls der alte Turm abgerissen würde, und der Bischof wollte “ungern in eine Linie mit den Machthabern im Osten gerückt werden, die Kirchen abreißen.”
Kurz dachte Egon Eiermann daran, das Projekt zurückzugeben, doch dann war der Reiz, eine Kirche an solch markanter Stelle zu bauen, doch größer. Mit dem Turm hatte er seinen Frieden aber noch immer nicht gemacht, als er seine neuen Pläne im November 1957 vorstellte: “Ich lassen den alten Turm stehen, wie er ist: ich tue nichts an ihm. Ich erwecke ihn nicht zu neuem Leben. Er ist tot…” Über seine neue Kirche sagte Eiermann damals: “Alle kirchlichen Bauteile möchte ich auf eine Plattform stellen von der Höhe, die die Stufen zum Eingang des alten Turms haben. Dieses Forum… ist ihre verbindende Grundlage. Das charakteristische Achteck des neuen Ruinenturms in seinem obersten Drittel wird in der Form der neuen Kirche und des neuen Turms wiederaufgenommen…” So hat Eiermann Ruine und Neubau in gewisser Weise doch miteinander verbunden, und als die neue Gedächtniskirche im Dezember 1961 eingeweiht wurde, rang sich auch der Architekt zu dem Satz durch: “Meine neue Kirche könnte in jeder Stadt stehen, aber mit der Turmruine verbunden ist sie ein einmaliges, nur in Berlin mögliches Bauwerk.”
Literaturtips: Vera Frowein-Ziroff, Die Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche. Entstehung und Bedeutung, Berlin 1982. Sabine Baumann-Wilke, Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Egon Eiermann in Westberlin. Entstehung und Bedeutung, Diss. Braunschweig.
Uwe A. Oster
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