“Wir sind an einem Punkt angekommen, der ähnlich erschreckend ist wie die prä-antibiotische Ära: Für Patienten, die mit einem multiresistenten Bakterium infiziert sind, gibt es keine magische Kugel mehr”, erklärte Cesar Arias, Professor für Medizin an der University of Texas bereits vor einigen Jahren im renommierten “New England Journal of Medicine” (NEJM). Denn im evolutionären Wettrüsten von Mensch und Mikrobe holen die Bakterien immer weiter auf.
Krank durchs Krankenhaus
Was das bedeutet, zeigte sich erst in den letzten Tagen am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel. 27 Menschen haben sich dort mit einem multiresistenten Stamm des Bakteriums Acinetobacter baumanii infiziert, zwölf Patienten sind bereits gestorben. Dieser Erreger gilt als hochgefährlich, weil er Enzyme erzeugt, sogenannte extended-spectrum-beta-lactamases (ESBL), die selbst neuere Antibiotika wirkungslos machen.
Gesunden Menschen schadet dieser Erreger meist nicht, bei immungeschwächten und ohnehin schon schwerkranken Patienten aber der Erreger tödlich sein. Dass multiresistente Keime ausgerechnet in Krankenhäusern epidemieartig auftreten und schwere Infektionen und Todesfälle auslösen, ist daher kein Zufall. Erstmals wurde die resistente Variante von Acinetobacter im Jahr 2004 in einem US-Militärkrankenhaus nachgewiesen. Inzwischen hat er jedoch einen fast beispiellosen Siegeszug durch Krankenhäuser weltweit angetreten und dabei immer mehr Resistenzen angesammelt.
Fatale Anpassung
Der Grund für die zunehmenden Resistenzen liegt in der Anpassungsfähigkeit der Erreger: Wenn eine Bakterienpopulation in Kontakt mit einem Antibiotikum kommt, dann überleben nur diejenigen, die durch Zufall oder Vererbung unempfindlich gegen den tödlichen Wirkstoff sind. Sie vermehren sich dann weiter und geben so ihre Resistenzgene an ihre Nachkommen weiter – ein resistenter Stamm entsteht.
Und Kontakt mit Antibiotika gibt es reichlich – und unnötig: Erst vor Kurzem zeigte eine Studie, dass fast jedes dritte Antibiotikum in Deutschland unnötig und falsch verschrieben wird. Das Medikament wird gegen Beschwerden verordnet, gegen die es nicht wirkt. Hinzu kommt, dass Antibiotika in der Massentierhaltung in großen Mengen eingesetzt werden, oft sogar schon vorbeugend oder gar als Masthilfe. Mit Gülle und Mist gelangen die Antibiotika, aber auch resistente Bakterien an die Umwelt und können die Resistenzen dort an andere Erreger weitergeben.
Fernreisende schleppen “Superkeime” ein
Vor kurzem haben Forscher der Universität Helsinki eine weitere Gefahr ausgemacht: Mehrfach resistente Bakterien werden zunehmend von heimkehrenden Fernreisenden eingeschleppt. Ihre Studie an 430 Finnen ergab, dass 90 Probanden nach einer Reise Acinetobacter und andere ESBL-Bakterien in ihrem Darm trugen – etwa jeder Fünfte. Besonders hoch war der Anteil bei denen, die in Südostasien und Südasien oder Nordafrika unterwegs waren.





