Die Genschere CRISPR/Cas9 hat Medizinern ganz neue Möglichkeiten eröffnet, genetische Defekte zu korrigieren. Denn mit diesem Werkzeug lassen sich fehlerhafte Genbuchstaben oder Genteile gezielter als zuvor aus dem Erbgut entfernen. Je nach Verfahren wird dabei die korrekte Sequenz direkt eingefügt oder man überlässt es der zelleigenen DNA-Reparatur, die fehlenden DNA-Basen in der korrekten Reihenfolge zu ergänzen. Theoretisch ließen sich dadurch auch krankmachende oder tödliche Gendefekte schon in befruchteten Eizellen oder Embryos beheben – einige Erbkrankheiten könnten so geheilt werden.
Das Problem jedoch: Wird das Genom einer Eizelle, eines Spermiums oder eines frühen Embryos verändert, wirkt sich dies auch auf die Keimzellen des daraus resultierenden Menschen aus – und damit letztlich auf alle seine Nachkommen. Deshalb sind solche Eingriffe in die Keimbahn ethisch stark umstritten. Zwar bieten sie die Chance, Erbkrankheiten zu heilen, gleichzeitig kann dadurch das Erbgut unserer Spezies dauerhaft verändert werden. „Wir arbeiten hier am Betriebssystem eines menschlichen Wesens“, warnte Eric Topol vom Scripps Research Institute in Kalifornien vor einigen Jahren.
Unerwünschte Nebenwirkungen und ethische Bedenken
Und noch etwas kommt hinzu: In Keimzellen und im frühen Embryo scheint der Einsatz von CRISPR/Cas9 häufiger als erwartet zu unerwünschten Effekten zu führen. Weil die DNA-Reparatur in diesem Stadium anders funktioniert, kommt es oft zu Dopplungen oder dem Verlust von Chromosomenteilen oder ganzer Chromosomen. „Zusätzlich dazu wurde nach CRISPR/Cas-induzierten Doppelstrangbrüchen über zusätzliche genotoxische Veränderungen inner- und außerhalb der DNA-Zielregion bei Mäusen und Menschen berichtet“, erklären Stepan Jerabek von der Columbia University in New York und seine Kollegen.
Bisher gilt der Einsatz der Genschere CRISPR/Cas zur Keimbahn-Editierung daher als zu riskant, sie ist zudem in vielen Ländern verboten. Das hielt jedoch den chinesischen Genetiker He Jiankui nicht davon ab, 2018 die ersten Kinder zu präsentieren, deren Genom mit dieser Methode editiert worden war. Nach internationaler Kritik wurde der Forscher für seine nicht autorisierten Embryonenversuche bestraft und musste drei Jahre im Gefängnis absitzen. Viele Genetiker forderten einen globalen Verzicht auf solche Keimbahn-Eingriffe – zumindest bis die Methoden ausgereifter und die langfristigen Folgen besser einschätzbar sind.





