Die Demokratie kam zunächst leise und wie durch die Hintertür. Es gab keine Revolution, jedenfalls nicht sofort. Stattdessen implodierte im September 1870 das Zweite französische Kaiserreich. Der äußere Anlass war simpel: Kaiser Napoleon III. war in der Schlacht bei Sedan vernichtend geschlagen und anschließend gefangen genommen worden. Die Niederlage und die Schmach der Gefangenschaft entzogen einem Regime seine Legitimität, das bis dato vom militärischen Nimbus des Hauses Bonaparte gezehrt hatte. Freilich gab es auch strukturelle Ursachen – die interventionistische Wirtschafts- und Sozialpolitik behagte dem liberal gesinnten Großbürgertum keinesfalls. Zentralismus, Zensur und politische Verfolgung brachten freiheitlich eingestellte Franzosen gegen die Obrigkeit auf.
Die Machtübernahme am 4. September in Paris vollzog sich denkbar unspektakulär. Die republikanisch gesinnten Mitglieder des kaiser‧lichen Parlaments bildeten eine vorläufige Regierung der Nationalen Verteidigung. Volksaufläufe fanden zwar zunächst statt, doch setzten die neuen Machthaber alles daran, den Anschein einer Revolution zu vermeiden – keine Experimente und keine Unruhe lautete die Devise. Dies war die paradoxe Obsession der französischen Republikaner: Sie wollten eine demokratische Staatsform, fürchteten aber unkontrollierbare Äußerungen des politischen Willens der Bevölkerung – und waren bereit, diese auch brutal zu bekämpfen, wie sich später angesichts der Pariser Kommune zeigen sollte.
Im Herbst 1870 galt die Aufmerksamkeit aber vor allem einem Thema: Nach Sedan ging der Krieg weiter, und die preußisch-deutschen Truppen rückten zügig nach Westen vor. Die neue Regierung hatte sich zuallererst um die Verteidigung zu kümmern. Sie musste dabei erfahren, dass weniger die vormaligen imperialen Kommandostrukturen für die Niederlagen verantwortlich waren als vielmehr strategische und technische Unterlegenheit. Und so musste sie mit ansehen, wie die Armeen Bismarcks die Provinzen der Grande Nation in geradezu rasender Geschwindigkeit besetzten. Schon wenige Wochen nach der Schlacht bei Sedan vom 2. September 1870 war die Hauptstadt Paris von der Außenwelt abgeschnitten. Aus dieser Zeit stammt einer der großen Gründungsmythen der Dritten Republik, der von Unbeugsamkeit, Patriotismus und damaliger Hightech kündet: Im Oktober verließ der neue Innenminister Léon Gambetta die Hauptstadt, um sich an die Spitze einer Entsatzarmee zu stellen. Wegen der Belagerung gelang dies nur durch einen waghalsigen Flug über die deutschen Stellungen hinweg an Bord eines Militärballons. In guter revolutionärer Tradition versuchte Gambetta von Tours aus, eine Freiwilligentruppe auszuheben. Freilich war die militärische Entscheidung zu diesem Zeitpunkt längst gefallen. Die Flucht Gambettas hatte vor allem symbolische Bedeutung.
An diesem Punkt kam erstmals der deutsche Einfluss ins Spiel. Im Winter 1870/71 legte Bismarck die Grundlagen für gleich zwei neue Staatswesen in Europa: Neben den Verhandlungen über die Reichseinigung ermöglichte er auch die Konstituierung der Republik. Der Hintergrund war folgender: Der preußische Regierungschef drang auf einen schnellen Frieden. Dazu brauchte er aber einen legitimierten und handlungsfähigen Vertragspartner auf französischer Seite. Die neue Regierung war vom Rest des Landes zunehmend abgeschnitten und bei weitem nicht überall anerkannt. So unterstützte Bismarck die Bestrebungen der neuen Machthaber, eine Nationalversammlung zu wählen, die dem Land nach dem Willen der Republikaner eine demokratische Verfassung geben sollte. Der deutsche Anteil an diesem Vorgang war entscheidend, schließlich war der gesamte Nordosten des Landes besetzt. In diesen Gebieten organisierten deutsche Stellen die Wahl. Bismarck setzte durch, dass sogar die französischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft am Urnengang teilnehmen durften. So konnte schließlich die Nationalversammlung Anfang Februar eröffnet werden – und zwar in Bordeaux, weil der Südwesten nicht von deutschen Truppen besetzt war.




