Wenn Sie vergleichen: Was hat sich seit den frühen 1960ern, als Sie zuerst dort waren, verändert?
Alles ist anders heute. Zuerst natürlich das Habitat. Früher war es ein langer, großer Streifen Wald entlang des Tanganjika-Sees. Aber heute gibt es keine Bäume mehr außerhalb des Nationalparks. Gombe ist nur mehr eine Insel, umgeben von nackten Hügeln.
Ist es vollkommen isoliert?
Wir arbeiten mit mehreren Dörfern zusammen. Die Dorfgemeinschaften stellen Land bereit, und wir erhalten auf diese Weise Korridore für die Tiere. Also Streifen von Land, auf denen sich Schimpansen von einem Schutzgebiet ins andere bewegen können.
Was sind die größten Probleme in Gombe, in Tansania und vielleicht sogar in ganz Afrika?
Das größte Problem ist das Tempo, mit dem die Bevölkerung wächst. Dann kommen extreme Armut, die hohe Rate der HIV-Infizierten und die Wilderei.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Wilderei? Fast 600 Nashörner und 10 000 Elefanten wurden allein 2012 erlegt.
Schrecklich. Solange sich jedoch Abnehmer finden, die exorbitante Preise zahlen, ist dem Töten schwer beizukommen, es wird immer Wilderer und Schmuggler geben. Wir haben im Rahmen unseres Jugendprogramms „Roots and Shoots“ eine Kampagne ins Leben gerufen, die fordert, kein Elfenbein mehr zu kaufen.
Warum sind die Zeitungen voll von Nachrichten über die Wirtschaftskrise? Und die Umweltkrise findet kaum Beachtung?
Das ist für mich Ausdruck der Art und Weise, wie das Big Business jede Art von Regulierung zugunsten der Umwelt außer Kraft setzt. Es geht nur um Wirtschaft, nur um Jobs. Aber das ist viel zu kurzfristig gedacht. Auf lange Sicht zerstört diese Art des Wirtschaftens den Planeten. Die Wilderei, die sich zurzeit in Afrika abspielt, ist Krieg. Und es macht mich wütend. Denn ich liebe Tiere.
Brauchen wir eine Art Grünhelm-Truppe analog zu den Blauhelmen der UNO, um an Brennpunkten des Naturschutzes einzugreifen?
Bei den schwer bewaffneten Wilderern müssen wir vielleicht zu solchen Mitteln greifen.
Ist unsere Art des Naturschutzes mit ihren Nationalparks nicht geradezu museal und unzeitgemäß? Natur unter der Käseglocke sozusagen.
Es ist ein Museum, natürlich. Aber es geht immer mehr dahin, Korridore zu schaffen. Das ist eine neue Idee des Zusammenlebens zwischen Wildtieren und Menschen. „Gemeinsam in Harmonie“ nenne ich das. Das ist natürlich schwierig. Wenn Sie ein Farmer wären und immer wieder eine Herde Elefanten über ihre Felder trampelt, wären Sie auch nicht sehr glücklich. Es ist eine Politik der kleinen Schritte. In Tansania haben wir ein Roots-and-Shoots-Projekt, bei dem die Drähte von Elektrozäunen mit einer Paste aus Rotem Pfeffer und Elefanten-Dung eingeschmiert werden. Das schreckt die Elefanten ab.


natur: Dr. Goodall, wie oft sind Sie noch in Gombe?


