Destilliertes Wasser enthält keine gelösten Salze. Deshalb – so liest und hört man immer wieder – dürfe man es keinesfalls trinken, sonst drohten schwerste Gesundheitsschäden oder gar der Tod. Als wissenschaftliche Begründung für diese These wird die Osmose angeführt, die auf der Beobachtung beruht, dass zwischen zwei Flüssigkeiten mit unterschiedlichem Gehalt an gelösten Stoffen ein „Bestreben“ zum Konzentrationsausgleich besteht. Sind die beiden Flüssigkeiten durch eine sogenannte semipermeable Membran getrennt, durch die zwar winzige Wasserteilchen, nicht aber darin gelöste, vergleichsweise große Moleküle passen, so strömt permanent Wasser in die konzentrierte Lösung. Dadurch steigt der Druck dort so lange, bis die trennende Membran schlimmstenfalls platzt. Auch die Wände der Körperzellen bilden eine solche Barriere. Werden sie von destilliertem Wasser umspült, so saugen sie es im Bestreben um einen Konzentrationsausgleich in sich hinein, bis sie immer praller werden und schließlich bersten – mit der Folge, dass der Betroffene elend zugrunde geht.
Soweit die Theorie. Doch die ist für uns Menschen im Hinblick auf destilliertes Wasser ohne Bedeutung. Denn das Wasser, das wir trinken – egal, ob destilliert oder nicht –, gelangt zwangsläufig zuerst in den Magen und wird dort mit anderen Nahrungsmitteln und säurehaltigem Magensaft vermischt, sodass es keine einzige Körperzelle salzfrei erreicht – und mithin auch keinen Schaden anrichten kann. Und es gibt sogar Organisationen – vor allem die amerikanische „Fit-for-Life“-Bewegung –, die die Verwendung destillierten Wassers ausdrücklich empfehlen. Das Wasser sei reiner, argumentieren ihre Vertreter, und enthalte unter anderem kein Kalzium, das maßgeblich an der gefürchteten Arterienverkalkung beteiligt sei. Aus medizinischer Warte ist diese Empfehlung allerdings zweifelhaft, da bei ständigem Trinken von destilliertem Wasser langfristig die Gefahr besteht, zu wenige Mineralstoffe (Elektrolyte) zu sich zu nehmen.
Ob diese Befürchtung berechtigt ist oder nicht – immerhin nimmt der Körper die weitaus meisten Mineralstoffe mit der festen Nahrung auf –, sei dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass derjenige, der seinen Tee oder Kaffee aus Geschmacksgründen gern mit destilliertem Wasser aufbrüht oder sich auch sonst hin und wieder ein Gläschen davon gönnt, sich keine Sorgen um seine Gesundheit zu machen braucht.
Und noch eine Anmerkung zu dem Begriff „Bestreben“: Das ist natürlich keine wissenschaftlich exakte Bezeichnung, denn Moleküle sind ja keine Lebewesen, die von irgendeinem Willen getrieben werden. Vielmehr lässt die wärmebedingte Bewegung der Wasserteilchen diese immer wieder an die trennende Membran prallen, die sie größtenteils passieren. Und das geschieht eben wesentlich häufiger auf der Seite mit der größeren Zahl an Wassermolekülen, gleichbedeutend mit der geringeren Menge gelöster Teilchen. Daher strömt mehr Wasser in Richtung der konzentrierteren Lösung als umgekehrt und sorgt dort für eine deutliche Druckerhöhung.





