Häufig motivieren Entwicklungen der Gegenwart die Fragen der Zeitgeschichte. Seit dem Bekanntwerden der Morde durch den sogenannten NSU sowie die Wahl- und Umfrageerfolge der möglicherweise „gesichert rechtsextremen“ AfD ist daher der rechte Rand der „alten“ Bundesrepublik in den Fokus gerückt. Neben Studien zum Rechtsterrorismus sowie zu einzelnen Parteien stoßen dabei auch Personen(kreise) auf Interesse. Der Münchener Historiker Maik Tändler legt nun ein Buch über die „rechtsintellektuelle“ Szene der Bundesrepublik vor, in deren Zentrum der ebenso einflussreiche wie eindimensionale Schweizer Armin Mohler (1920–2003) stand.
Der viele Jahre bei der Münchener Carl Friedrich von Siemens Stiftung arbeitende Publizist war 1942 illegal nach Deutschland migriert, um sich der Waffen-SS anzuschließen. Nachdem dieses Vorhaben scheiterte, verfasste er eine Dissertation über die „Konservative Revolution“, eine recht disparate Gruppe meist antidemokratischer Rechtsintellektueller der Weimarer Republik. Sein Ziel war es, ihre durch den Nationalsozialismus diskreditierten Ideen wieder salonfähig zu machen. Der Vordenker der Neuen Rechten in Deutschland war dabei vor allem ein Nachdenker dieser Ideen.
Tändler verfolgt unter breiter Auswertung des Mohler’schen Nachlasses in einer Mischung aus Chronologie und Systematik dessen Wirken. Dabei entfernt sich die Studie immer wieder von ihrem Hauptprotagonisten und beleuchtet ausführlich dessen politisch-publizistischen Kontexte und die Biographien seiner Bekannten. Mit der Liberalisierung des Konservatismus wurde Mohlers Wirkungsfeld zunehmend kleiner.
Der zeitweise bestens vernetzte Antisemit wirkte in einem Spektrum, das Rechtskonservative am Rande der Unionsparteien wie Franz Josef Strauß, (konservative) Zeitungen sowie Kleinstblätter der äußersten Rechten umfasste. Die von den Rechtsintellektuellen vertretenen Ideen wandelten sich im Grunde kaum. Sie wähnten seit 1945 die „Linke“ im Aufwind und suchten daher Wege, die kritische Erforschung der NS-Vergangenheit zu beenden und Deutschland wieder zu einer eigenständigen Nation zu machen.
Da diese Bestrebungen bis in die jüngste Zeit wenig erfolgreich verliefen, zeichnet(e) die rechtsintellektuellen Texte eine penetrant weinerliche Opferpose in Verbindung mit einer Verachtung für die angeblich dem Konsum verfallenen, nationsvergessenen Deutschen aus. Ein elitärer und pathetischer Stil – inhaltlich gepaart mit NS- und Holocaustrelativierungen – war offenbar nicht massentauglich, weshalb sich die Akteure immer wieder einredeten, für eine geistige Elite zu schreiben, die einst die Verhältnisse ändern werde.
Eine geistige Elite orientierte sich zwar nicht gerade an diesen Ideen, aber dafür Publizisten im Umfeld des völkischen Flügels der AfD. Ob deren Texte aber für die Wahlerfolge der Partei maßgeblich sind, ist eher zweifelhaft. Kurzum: Tändlers dichte Untersuchung erweitert unser Wissen über den rechten Rand der Bundesrepublik und trägt zur Vorgeschichte der Gegenwart bei.
Rezension: Dr. Sebastian Rojek
Maik Tändler
Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik
Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 468 Seiten, € 38,–




