Im Kapitel „Rebellische Jugend und ihre Vordenker“ geht Walter unter anderem auf die „68er-Bewegung“ und ihre Protagonisten ein. Nicht zufällig ziert das Buchcover der demonstrierende Daniel Cohn-Bendit. Junge Linke wie er waren es, die 1964 den bis dahin wenig bekannten Soziologen Herbert Marcuse für sich entdeckten. In Deutschland in den 1950er Jahren kaum wahrgenommen, geschweige denn gelesen, stieg Marcuse ab 1964 zum Popstar der linken Studentenschaft auf. Er konnte pointierter formulieren als die Meister der „Frankfurter Schule“ – wie Theodor W. Adorno – und war sich nicht zu schade, komplexe Sinnzusammenhänge auf einfache Redewendungen zu reduzieren. Für seinen Erfolg als linker Intellektueller war Marcuse allerdings nicht allein verantwortlich. Wie Walter darlegt, bedurfte es eines ganz bestimmten historischen Moments genauso wie einer kritischen, die gesellschaftlichen Verhältnisse ablehnenden Hörerschaft. Marcuse gab dem Aufbegehren vieler Studenten eine Stimme und mit seinem Werk über den „eindimensionalen Menschen“ gleich noch eine stringente Ideologie mit auf den Weg. Die, oftmals sehr kurze, Popularität von Wortführern wie Marcuse gibt dabei, wie der Autor anmerkt, vor allem Auskunft „über Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Träume in der jeweiligen Zeit einer Gesellschaft“.
Es waren auch Sorgen und Ängste der zusammengebrochenen Studentenbewegung über ein Ausbleiben der Revolution, die Anfang der 1970er Jahre Spontis und K-Gruppen entstehen ließen. Ihr Verhältnis zu Revolution und revolutionärer Gewalt blieb stets ambivalent. Deutlich wurde dies am Verhältnis zur Roten-Armee-Fraktion (RAF). Walter beschreibt am Beispiel der sogenannten Mescalero-Affäre, wie ein Nachruf zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback zu einem Symbolstreit über das Unterstützermilieu werden konnte. Der sich „Mescalero“ nennende Verfasser hatte in den „göttinger nachrichten“, dem Publikationsorgan des Göttinger AStAs, „klammheimliche“ Freude über den Tod Bubacks geäußert. Initiiert vom „Ring Christlich-Demokratischer Studenten“ (RCDS) war daraufhin ein Sturm der Entrüstung durch die deutsche Öffentlichkeit gegangen. Die Überlegungen des anonymen Studenten galten, wie Walters hervorhebt, jedoch nicht dem Feuilleton deutscher Tageszeitungen, sondern „Gleichgesinnten aus dem linksalternativen Studentenmilieu“, die sich nicht selten mit ähnlichen Gedanken herumtrugen. Die Empörung der Medien über den radikalen Sprachgebrauch griff dabei zu kurz, wollte der Verfasser seine Leser doch vom Griff zur Waffe abhalten. Walter gelingt es in seinen Ausführungen, die Ambivalenzen dieses linken Gegenmilieus aufzuzeigen, das sich letzten Endes mit der Gründung der „Grünen“ und der Zeitung die „taz“ am Ende der 1970er Jahre parteipolitisch und gesellschaftlich integrierte.
Das Aufkommen der „Grünen“ hatte wiederum direkte Auswirkungen auf die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“. Im Kapitel „Aufstieg und Bruch des demokratischen Sozialismus“ erläutert Walter die Probleme der Sozialdemokratie vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. So hatte die SPD von allen deutschen Parteien am stärksten mit innerparteilichen Streitigkeiten und gesellschaftlichen Veränderungen zu kämpfen. Besonders das sich seit den 1970er Jahren stark verändernde Arbeitermilieu hatte die Sozialdemokraten vor große Herausforderungen gestellt. In der Folge musste die Parteiführung eine stark heterogene Wählerschaft ansprechen und Reformer und Traditionalisten gleichermaßen zufriedenstellen. Die 1998 ins Amt gewählte Regierung Schröder vermochte diesen Spagat nicht mehr zu vollziehen: Mit den Hartz-Reformen von 2003 wurde die Spaltung in zwei verschiedene Lager offenbar, die sich mit der Gründung der Linkspartei 2007 auch parteipolitisch institutionalisierte.




