von CLAUDIA CHRISTINE WOLF
Komm schon, ein Zug schadet nicht“, versucht Lisa ihre Freundin Vanessa vom Rauchen zu überzeugen. „Was hast du zu verlieren? Glaub mir, es ist total cool!“ Sie hält ihr eine Zigarette vor die Nase. „Lass mal, ich hab’s doch schon versucht und finde es voll eklig. Mir wird davon super schlecht“, antwortet Vanessa. Doch Lisa lässt nicht locker, und zu allem Überfluss taucht auch noch Max an ihrer Seite auf und lacht: „Traust du dich nicht, oder was?“ So geht es noch eine ganze Weile hin und her, bis Vanessa die Augen verdreht und meint: „Können wir jetzt über was anderes reden?“ Damit ist das Thema endlich durch.
So ähnlich dürfte es derzeit an 36 Berliner Schulen zugehen: Dort lernen zehn- und elfjährige Schülerinnen und Schüler im Rollenspiel, mit welchen Argumenten sie dagegenhalten können, wenn andere sie zum Rauchen überreden wollen. Es geht reihum: Jeder schlüpft einmal in die Position des Nichtrauchers, der von zwei Rauchern in die Ecke gedrängt wird. Die Übung ist Teil des Projekts „nachvorn“, ein Präventionsprogramm des Instituts für Geschlechterforschung der Charité Berlin, das von der Deutschen Herzstiftung finanziert wird. Ziel ist es, Mädchen und Jungen dazu zu befähigen, „Nein“ zu Tabak- und E-Zigaretten zu sagen.
Höheres Rauchrisiko
Nicht überall in Deutschland rauchen Heranwachsende gleich häufig, wie eine 2023 veröffentlichte Studie von Reiner Hanewinkel und Julia Hansen belegt. Die beiden Forschenden vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel werteten Umfragedaten von fast 18.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 17 aus, die in verschiedenen Regionen Deutschlands lebten. Dazu teilten sie ganz Deutschland in fünf Gruppen ein – sogenannte Quintile –, von sehr wohlhabend bis stark benachteiligt. Jede dieser Gruppen repräsentierte etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zum wohlhabendsten Quintil hatten die Teilnehmenden in der am stärksten benachteiligten Gruppe eine um 124 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, Tabak zu rauchen. Das Risiko, zu E-Zigaretten zu greifen, war um 56 Prozent höher und die Wahrscheinlichkeit, beide Produkte zu verwenden, um 91 Prozent höher. Zu den Gebieten mit hohem Risiko zählen ländliche Gegenden im Norden und Nordosten Deutschlands, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und einigen Gebieten Berlin-Brandenburgs, aber auch küstennahe Gegenden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
Die Gründe für das unterschiedlich hohe Risiko, in jungen Jahren zu rauchen, sind vielfältig. Eine wesentliche Rolle spielen laut den Autoren schlechte Vorbilder, denn in solchen Regionen rauchen auch mehr Erwachsene. Es ist bekannt, dass Kinder nikotinabhängiger Eltern später deutlich häufiger rauchen als der Nachwuchs von Nichtrauchern. Aber auch vermehrter Stress, verursacht etwa durch finanzielle Not, könnte eine Rolle spielen. Außerdem gibt es dort weniger Präventionsangebote und Initiativen für ein gesünderes Leben, wie sie in reicheren Gegenden Deutschlands vorhanden sind, etwa Bayern oder Baden-Württemberg.





