Die jährliche Abholzungsrate an tropischen Regenwäldern ist um 23 Prozent geringer als es Studien der Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren angaben. Das ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung, die das Joint Research Center in Italien im Auftrag der Europäischen Union durchführte. Damit könnte das “Rätsel des fehlenden Kohlendioxids” gelöst sein. Präsentiert wird die Studie im Fachmagazin Science (Bd. 297, S. 999).
Die tropischen Regenwälder verschwinden immer noch mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, so kommentiert Hugh Eva, einer der Autoren, das Ergebnis. Aber die niedrigere Abholzungsrate könnte erklären, wieso die Kohlendioxid-Rechnung der Klimaforscher bisher nicht aufging. Aus der Atmosphäre wurde scheinbar mehr Kohlendioxid entnommen als man erklären konnte. Des Rätsels Lösung scheint nun zu sein: Der Atmosphäre wird nicht mehr Kohlendioxid entnommen, sondern weniger Kohlendioxid zugeführt – wegen der geringeren Abholzungsrate.
Aufgrund der Auswertung von Satellitendaten aus den Jahren 1990 bis 1997 gelangen die Forscher zu einer jährlichen Abholzungsrate von 58.000 Quadratkilometern. Rechnet man die jährliche Aufforstungsrate dagegen, dann bleiben unter dem Strich 49.000 Quadratkilometer übrig. Zum Vergleich: Das ist ein wenig mehr als die Fläche von Niedersachsen. Die UN-Studien gaben für diese letzte Zahl 64.000 Quadratkilometer an.
Den UN-Zahlen zufolge gelangen durch die Abholzung jährlich 1,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Hinzu kommen noch 6,3 Milliarden Tonnen durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe. Etwa die Hälfte dieses Kohlendioxids verbleibt in der Atmosphäre und 2,3 Milliarden Tonnen werden von den Ozeanen aufgenommen. Übrig blieben nach der UN-Rechnung weitere 2,3 Milliarden Tonnen, die dieser Rechnung zufolge hauptsächlich von Wäldern hätten aufgenommen werden müssen.
Das Problem: So gründlich die Wissenschaftler auch suchten, zählten und schätzten ? so viele Wälder gibt es auf der Erde einfach nicht. Die eine Milliarde Tonne Kohlendioxid, die nach einer Abschätzung der EU-Forscher übrig bleibt, scheint dagegen realistischer zu sein. Darüber hinaus glaubt David Schimel vom National Center for Atmospheric Research in Boulder: “Die neuen Schätzungen könnten die Ergebnisse von Klimamodellen verändern.”
Axel Tillemans





