Und das geht etwa so: Man formuliere ein wissenschaftliches Problem. Dann notiere man ungebremst Hypothesen, wie das zugehörige Phänomen zustande kommen könnte. Fällt einem keine mehr ein, dann zücke man in Gedanken „Ockhams Rasiermesser“ und schäle damit aus dem Wust ungehobelter Hypothesen alles vermeintlich Unnötige und Überflüssige sauber heraus. Am Ende nehme man die schlankste aller alternativen Hypothesen und beginne, sie zu testen. Also diejenige, die mit den wenigsten Grundannahmen auskommt, das Problem aber immer noch hinreichend erklären kann.
So weit, so gut. Doch leider verstehen viele dieses Prinzip nicht ganz richtig. Denn damit ist keineswegs gesagt, dass die einfachste Hypothese immer die richtige ist. Vielmehr gibt „Ockhams Rasiermesser“ lediglich vor, welche von mehreren alternativen Hypothesen man im Zweifelsfall zuerst testen sollte – nämlich eben diejenige, die die wenigsten Variablen braucht.
Die Gründe dafür sind vor allem rein praktischer Natur: Denn je einfacher eine Hypothese gestrickt ist, desto leichter sollten dazu aussagekräftige Experimente zu entwerfen sein. Und umso leichter lässt sie sich durch die entsprechenden Resultate falsifizieren und verwerfen.
Und wenn dies dann tatsächlich passiert? Wenn es tatsächlich zu „Unpässlichkeiten“ zwischen der schlichten Hypothese und den experimentellen Resultaten kommt? Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als die Hypothese nachzurüsten – wodurch sie jedoch meist an „Schlankheit“ einbüßt. Oder man verwirft sie und schwenkt gleich auf die nächste, wenn auch etwas kompliziertere Hypothese um.
Geht es so wirklich schneller?
Die Idee hinter „Ockhams Rasiermesser“ ist also, alternative Hypothesen hierarchisch von schlicht nach komplex abzuklappern. Denn theoretisch sollte ein solches Vorgehen schneller nützliche Ergebnisse liefern, als wenn man sich mit aufwendiger Methodik an einer komplizierten Hypothese festbeißen würde. Unter dem Strich sollte Ockhams Rasiermesser-Konzept auf diese Weise den ganzen Erkenntnisprozess beschleunigen.
Klingt plausibel, keine Frage. Doch viele Prozesse in der modernen biologischen Forschung laufen ganz anders ab. Immer seltener steht eine ausgewiesene Hypothese am Anfang, vielmehr häuft man zunächst einfach mal einen Wust an Daten an. Warum soll man sich auch mit Hypothesen aufhalten, wenn die heutigen Hochleistungsmethoden fast unbegrenzt Daten ausspucken? Diese ordnen sich ganz von selbst zu auffälligen Mustern an, aus denen sich im Nachgang plausible und testbare Hypothesen ableiten lassen – so das Credo dieser datengetriebenen statt hypothesenbasierten Forschung.
Interessanterweise hat sich eine gewisse „Rasiermesser-Strategie“ im Zuge dieser Umstülpung des Forschungsprozesses weiterhin bewährt. Allerdings meist nicht im Sinne des alten Ockham, sondern vielmehr in entgegengesetzter Richtung – von komplex zu einfach!





