Auf einer außen angebrachten Instrumentenabdeckung der russischen Raumstation Mir haben Amerikaner radioaktive Uranspaltprodukte nachgewiesen. Es handelt sich um den ersten Nachweis einer Urankontamination im erdnahen Weltraum. Die Wissenschaftler von der California Polytechnic State University in Saint Luis Obispo unter Leitung von Roger Grismore rätseln über die Herkunft der Ablagerung. Sie äußern ihre Vermutungen in der Fachzeitschrift “Journal of Environmental Radioactivity”.
Der Uranfund ist eine Zufallsentdeckung. Im Juni 1991 wurde ein aus zehn Lagen Aluminium und Polyester bestehendes, handflächengroßes Abdecktuch über einem Instrument an der Außenseite der Mir angebracht. Es sollte das Gerät vor der Sonnenstrahlung und dem Einschlag winziger Meteoriten schützen. Im August 1995 kam das Tuch zurück zur Erde, wo es 16 Monate in einem Schutzraum aufbewahrt wurde. Durch Analyse der von dem Untersuchungsobjekt abgegebenen Gamma-Strahlung konnten die Isotope Blei-214 und Wismut-214, zwei Zerfallsprodukte von Uran-238, nachgewiesen werden. Die zur Kontrolle gemessene Strahlung eines gleichartigen Tuches, das die Erde nie verlassen hatte, war nur ein Zehntel so hoch.
Drei Erklärungsmöglichkeiten des unerwarteten Befundes werden zurzeit diskutiert. Zum einen könnten die Ablagerungen ihren Ursprung in Atombombentests der sechziger Jahre haben, von denen einige in Höhen über 300 Kilometer durchgeführt wurden. Ein durch Atomkraft angetriebener Satellit, der beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte, wäre eine andere mögliche Quelle der Radioaktivität. Als dritte Alternative wird spekuliert, dass das Uran von einer explodierenden Supernova stammen könnte und bereits vor Jahrtausenden in unser Sonnensystem geschleudert wurde. Grismore hält die Atomversuche in großer Höhe für die wahrscheinlichste Erklärung, aber “eine Supernova ist die faszinierendste.” (Journal of Environmental Radioactivity, Bd. 53, S. 231)
Joachim Czichos





