Kosten-Nutzen-Analysen belegen: Der Gang zum Seelendoktor spart Geld.
Jeder vierte Patient beim Hausarzt bräuchte die Hilfe eines Psychotherapeuten, um mit seinen Ängsten, Depressionen, Alkoholproblemen oder anderen psychischen Störungen fertig zu werden. Seit dem Psychotherapeutengesetz von Anfang 1999 hat jeder deutsche Krankenversicherte einen Anspruch auf eine psychotherapeutische Behandlung. Vielerorts sind die dafür vorgesehenen Geldtöpfe allerdings schlecht gefüllt, und mancher Gesundheitspolitiker überlegt, ob die Kassen sich nicht wieder auf die Finanzierung des klassischen Medizinbetriebs beschränken sollten. Das würde die Ausgaben im Gesundheitswesen jedoch nicht senken, sondern steigen lassen. Zu diesem Schluss kommen Claudia Baltensperger und Klaus Grawe von der Universität Bern. Die Psychologen haben die existierenden über 100 internationalen Kosten-Nutzen- Analysen ausgewertet, die 80000 Patienten erfassen. Die Behandlung bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten dauert meist einige dutzend Sitzungen. Stationäre Patienten verbringen hinterher aber nur noch halb so viel Zeit in Kliniken wie vorher. Das spart, so haben die Berner Psychologen errechnet, 5102 Schweizer Franken pro Patient und Jahr. Allein dadurch rentiert sich der Einsatz des Therapeuten bereits nach zwölf Monaten. Die Behandlungserfolge halten sogar länger an. Damit vermindern sich auch die Besuche beim niedergelassenen Arzt – was jährlich 403 Franken pro Patient ausmacht. Berücksichtigt werden müsse überdies, so die Schweizer Untersuchung, der Gewinn für die Arbeitgeber der Patienten: Wer sich wegen einer psychischen Erkrankung arbeitsunfähig meldet, fehlt mit durchschnittlich 36 Tagen doppelt so lange am Arbeitsplatz wie andere Kranke. Darum lohnt es sich für die Firmen, ihren Mitarbeitern therapeutische Programme gegen Alkoholprobleme, chronische Schmerzen und andere Störungen anzubieten. Doch die meisten Deutschen mit psychischen Problemen bekommen von ihren Ärzten nur Medikamente, falls sie überhaupt behandelt werden (siehe auch das Porträt von Jürgen Margraf in diesem Heft). Das scheint die billigere Lösung zu sein, ist sie aber nicht. Dies bewies schon 1984 die Psychologin Meredith Robson mit einer großen Untersuchung in einem Gesundheitszentrum der britischen Stadt Camberley. Als aus einer Gruppe von Menschen, die an Angst und anderen Psychoproblemen litten, die (zufällig ausgewählte) Hälfte keine Pillen bekamen, sondern stattdessen zum Therapeuten geschickt wurde, sanken die Kosten unter den Strich, weil diese Patienten hinterher weniger oft in Arztpraxen erschienen. Bei psychosomatischen Problemen stellten auch deutsche Fachkliniken ihre beachtliche Rentabilität unter Beweis. In den zwei Jahren vor der Aufnahme beliefen sich die Krankheitskosten pro Patient im Schnitt auf rund 21000 Euro, hinterher waren es nur noch 8000. Der Klinikaufenthalt verschlang zwar 5000 Euro, spielte aber das Zweieinhalbfache wieder ein. Auch kleine Maßnahmen machen sich bezahlt. Einen Patienten psychologisch auf eine Operation vorzubereiten, dauert maximal eine Stunde. Die so Gewappneten verkraften den Eingriff besser und können fast einen Tag früher nach Hause gehen. Das spart ein Sechstel der Kosten, die die psychologische Betreuung im Höchstfall kostet. Am besten belegt ist die Effizienz verhaltenstherapeutischer Methoden, die mit praktischen Übungen direkt bei den Problemen ansetzen – wie bei gezielten Angst-Konfrontationen. Aber auch andere kurze Therapien wie Hypnose lohnen sich nach den Ergebnissen der Schweizer Forscher. So nützlich solche Daten in der Gesundheitsdiskussion sind – Geld sparen ist nicht der Hauptzweck von Psychotherapie. Claudia Baltensperger und Klaus Grawe haben vor allem das Wohl der Erkrankten im Auge: Es wird „immer einen kleineren Teil von Patienten geben, bei denen sich eine Psychotherapie pekuniär nicht lohnt, die eine solche aber dennoch brauchen”.
Jochen Paulus





