Dementsprechend präsentiert er sechs locker aneinandergereihte Kapitel, flankiert von einer Ouvertüre („Eine neue, ewige Nacht?“) und einem Epilog („Pompeji sind wir“). Eine Klammer bildet dabei das Thema Religion und Spiritualität, das in den einzelnen Kapiteln in vielfältigen Ausprägungen und Varianten, an den archäologischen Funden in Pompeji orientiert, dargestellt wird.
Sein Kerngeschäft Archäologie beherrscht Zuchtriegel perfekt. In dieser Hinsicht ist man bei ihm bestens aufgehoben, nicht zuletzt auch deswegen, weil er statt trockener Ausgrabungsberichte frische, originelle Einblicke in die neuesten archäologischen Forschungen von Pompeji bietet. Absolut zu unterstützen ist auch sein Anliegen, Geschichte und Archäologie gewissermaßen menschlicher zu machen, die zeitliche Distanz zu heute zu verringern, was in der allerdings nicht über jeden Zweifel erhabenen, weil die evidenten Unterschiede nivellierenden Behauptung gipfelt, die Geschichte sei jetzt, und „wir sind Pompeji“.
Im Untergang von Pompeji will der Autor eine historische Zäsur erkennen. Der letzte Sommer Pompejis ist für ihn „auch ein bisschen wie der letzte Sommer der antiken, vorchristlichen Welt“. Abgesehen davon, dass die alte Antike nach der lokalen Katastrophe von 79 n. Chr. ihre beste Zeit noch vor sich hatte, überschätzt der Autor die Bedeutung des Christentums für diese Phase der antiken Geschichte deutlich. Auch wenn der Autor die selbst gestellte Frage, ob das Jahr 79 n. Chr. der „anbrechende Herbst der antiken Welt und ihrer Götter“ gewesen sei, mit einem argumentativ nicht gerade starken „Ich meine: Ja“ beantwortet, war mit dem Untergang von Pompeji noch lange nicht das Ende der genuin antiken Welt eingeläutet, weder in politischer noch in kultureller oder religiöser Hinsicht.
Bei den nächsten Büchern, die der Autor sicher schreiben wird, ist im Übrigen mehr Sorgfalt bei der historischen Recherche zu empfehlen. Das würde seinen weit ausgreifenden Gedanken zu Religion, Geschichte und dem Lauf der Welt ein klares Plus an Gewicht und Kompetenz verleihen. Nur einige Beispiele: Vespasian sagte seinen bekannten Spruch „Ich glaube, ich werde ein Gott“ nicht, „als er merkte, dass es zu Ende ging“, sondern jedes Mal, wenn er von einer Krankheit ergriffen wurde.
Claudius verwies mitnichten „alle Juden und Christen kurzerhand aus der Hauptstadt“, sondern nur die Juden bzw. die Judenchristen. Der Statthalter Pontius Pilatus wird zu oft als „Stadthalter“ bezeichnet, als dass man an ein bloßes Versehen glauben könnte. Und woher der Autor wissen will, dass in der römischen Gesellschaft der Kaiserzeit „eine tiefe Verunsicherung, gepaart mit einer unterschwelligen Melancholie“ geherrscht habe, bleibt jedenfalls in dieser pauschalen Form sein Geheimnis.
Insgesamt aber liefert der Verfasser eine kurzweilige und abwechslungsreiche Darstellung der immer spannenden Archäologie und Geschichte von Pompeji.
Rezension: Prof. Dr. Holger Sonnabend
Gabriel Zuchtriegel
Pompejis letzter Sommer
Als die Götter die Welt verließen
Propyläen Verlag, Berlin 2025, 320 Seiten, € 33,–




