In dieser Hütte (oder draußen im Hof, wenn die Luft drinnen zum Schneiden dick wurde und das Wetter es zuließ) wurden Erze zermahlen, in kochende Säure gerührt und langsam gelöst, schrittweise abgekühlt, filtriert, destilliert, bis immer reiner und reiner zuerst das eine (Sommer 1898) und dann das andere (Winter 1898) radioaktive Element isoliert war. Das erste tauften sie Polonium (von Polonia, Polen). Das zweite Radium (von radius, der Strahl). Die neu gefundenen Metalle strahlten so stark, dass die Luft in der Hütte zu leuchten anfing. Marie Curie, die gebürtige Polin, leistete körperliche Schwerstarbeit, unterstützt von ihrem Mann Pierre. Tonnen von Pechblende wurden aus dem böhmischen Joachimsthal nach Paris gekarrt. Und gekocht. Zwei Nobelpreisen entgegen.
Tödliche Strahlenkrankheit
Die beiden Forscher hatten keine Angst. Das menschliche Repertoire an Ängsten hatte bis dahin keine Radioaktivität gekannt. Nur Schlangen, Kriege, Löwen, Krankheiten. Die Curies waren unendlich neugierig. Angetrieben vom Forscherdrang. Nicht gebremst von Furcht. Wie auch? Hatten sie doch gerade erst das Wort Radioaktivität selbst erfunden. Vollkommen wertfrei. Als Beschreibung eines physikalischen Sachverhalts, der seinen Schrecken erst allmählich entfalten sollte. Marie und Pierre mussten ganz langsam an sich selbst erleben, dass seltsame Geschwüre nicht heilten. Dass die Schmerzen kein Rheuma waren. Dass die Müdigkeit sich nicht mehr wegschlafen ließ. Vorboten der tödlichen Strahlenkrankheit.
Während wir an diesem Heft arbeiten, macht Polonium unerwartet Karriere. Und mit ihm eine neue Angst. Denn heute denken wir bei Polonium nicht mehr an Curies Nobelpreis, sondern an vergiftete Russen. Und haben doppelt Angst: einmal vor den Strahlen, weil wir heute wissen, was sie mit uns machen, und zweitens vor Verbrechern und Gewalttätern, vor Geheimdiensten und Terroristen, die dieses radioaktive Material skrupellos einsetzen, um ihre Gegner zu töten. Mikrogrammweise genügt.
Die Evolution der Angst
Die Natur hat uns jahrmillionenlang das Fürchten gelehrt und uns damit das Überleben gesichert. Zu uralten Ängsten kommen immer neue dazu. Das ist Evolution. Das ist Fortschritt. Im Zeitalter der Medien unterliegen Ängste noch zusätzlichen Konjunkturzyklen. Während die eine Angst den absoluten Hype erfährt, fristet die andere ein Schattendasein. Wie Aktien gehen sie rauf, und im Nu kann sich das wieder ändern. Kommt auch diesen Winter ein Vogelgrippevirus dahergeflogen, wird Polonium wieder out sein. Und still vor sich hinstrahlen. Lesen Sie unsere Titelgeschichte zur Angst. Es ist ein großes, aufregendes Thema.
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