Zahlreiche Entdeckungen nach dem sogenannten „Eureka“-Moment, in dem Forscher eher zufällig auf etwas komplett Unerwartetes stießen, scheinen dies zu belegen. Als ein Paradebeispiel gilt etwa Alec Jeffreys Entdeckung des genetischen Fingerabdrucks im Jahr 1984. Als er nach seiner Versuchsreihe den entscheidenden Röntgenfilm in den Händen hielt, war er zunächst enttäuscht. Denn das, was er eigentlich erlangen wollte – nämlich Erkenntnisse darüber, wie bestimmte Erbkrankheiten in Familien weitergegeben werden –, ließ sich aus dem Muster auf dem Film nicht ableiten. Sein eigentlicher Plan war also fehlgeschlagen. Zum Glück brütete er aber noch einmal kurz über das erhaltene Signalmuster nach – und bekam seinen „Eureka“-Moment: Das Ganze müsste sich stattdessen doch leicht zu einem Verfahren zur Aufzeichnung unverwechselbarer individueller DNA-Profile ausbauen lassen … Die Folgen dieser genetischen Fingerabdrücke für die Forensik und die Verwandtschaftsermittlung sind bekannt.
Ein anderes Beispiel lieferte der US-Entwicklungsbiologe Victor Ambros. Der hatte sich mit einer Mutante des zwittrigen Fadenwurms Caenorhabditis elegans mit Namen „bag of worms“ beschäftigt, die gut als Vorlage für einen schlechten Horrorfilm dienen könnte: Da dem Wurm aufgrund der Mutation die Vulva fehlt, ist er unfähig, die selbstbefruchteten Eier abzulegen. Der Nachwuchs schlüpft daher im mutanten Wurm selbst und frisst ihn von innen auf. Das verantwortliche mutierte Gen entdeckte Ambros schließlich auf Chromosom 2 des Wurms. Er nannte es lin-4, und wie sich herausstellte, hatte er damit etwas wesentlich Bedeutenderes gefunden als „nur“ das Steuer-Gen eines Entwicklungsprozesses. Denn anders als andere Gene codiert lin-4 nicht für ein Protein, sondern für die erste bekannte MikroRNA. Heute kennt man quer über alle Lebewesen Tausende dieser kurzkettigen RNA-Moleküle – und schreibt ihnen zentrale Rollen in der Regulation und Koordination der individuellen Genaktivität zu.
In beiden Fällen zeigt sich schön das Erkenntnismuster des „Eureka“-Moments: Jemand sucht nach irgendetwas, wobei er jedoch schließlich etwas anderes, ungleich Größeres entdeckt.
Die Zeit ist reif
Doch „Geistesblitz“ hin, „Eureka“-Moment her: Bei den meisten Durchbruch-Entdeckungen gab es sie nicht. Viel häufiger hingegen waren die entsprechenden Ideen und Stoßrichtungen schon lange klar, nur musste man noch auf die passenden Methoden zu ihrer Realisierung warten. Auch bei der „Jahrhundert-Entdeckung“ der DNA-Struktur durch James Watson und Francis Crick wusste man etwa schon lange zuvor, was man sucht und wo man es finden würde – allerdings konnte man erst dorthin vordringen, nachdem die englische Textilindustrie die Röntgenkristallographie entwickelt hatte.





