von BETTINA WURCHE
Seekühe, Meeresschildkröten und sogar die kleinen Krill-Krebse haben auf ihren Reisen blinde Passagiere an Bord: Ihre Körperoberfläche sondert im Wasser einen dünnen Biofilm aus Zucker- und Eiweiß-Verbindungen ab. Auf diesem schleimigen Biofilm gedeiht ein eigenes Ökosystem aus Bakterien sowie winzigen Pflanzen und Tieren – die Epibionten. Biologen entlocken diesen Gemeinschaften mithilfe molekularbiologischer Methoden immer mehr Informationen über Herkunft, Reiseroute und Verwandtschaftsbeziehungen ihrer schwimmenden Transporteure.
Der Antarktische Krill etwa (Euphausia superba) ist eine Schlüsselart des Südpolar-Ozeans: Die kleinen transparenten Krebse filtrieren mit ihren flirrenden Härchen winzige Algen aus dem Wasser oder vom Eis, wandeln sie in Proteine und Fette um – und werden so selbst zum Kraftfutter für Bartenwale, Robben und Pinguine. Während der sommerlichen Algenblüte im Südpolarmeer vermehren sich die Krebse zu Schwärmen mit bis zu 1000 Individuen pro Kubikmeter. Wissenschaftler schätzen die Krill-Biomasse in dieser Zeit auf 300 bis 500 Millionen Tonnen.
Die Krillschwärme verteilen sich nicht gleichmäßig im Meer, sondern konzentrieren sich in bestimmten Gebieten. Deshalb gehen die Forscher von verschiedenen regionalen Beständen aus. Die Krillkrebse pflanzen sich dann nur innerhalb ihrer Gruppe fort, sodass jeder Bestand sich im Lauf der Zeit immer stärker von den anderen unterscheidet, und sich Unterarten bilden können. Allerdings ließen sich bislang beim Antarktischen Krill keine äußerlichen oder genetischen Unterschiede nachweisen. Doch es gibt ein anderes Unterscheidungsmerkmal, das der Molekular-Ökologe Laurence C. Clarke von der Australian Antarctic Division, einer Wissenschaftsinstitution des australischen Umweltministeriums, 2019 fand: die Zusammensetzung der Bakterien-Lebensgemeinschaft, auch Mikrobiom genannt, auf dem Krebspanzer.
Bakterien verraten die Herkunft
Für eine neue Studie haben Clarke und seine Kollegen Krill aus bis zu 3400 Kilometer voneinander entfernten Schwärmen im östlichen Südpolarmeer gefangen. Sie setzten einige Krebstiere in Einzel-Aquarien und untersuchten nach der monatlichen Häutung per rRNA-Sequenzierung die Bakterien auf der abgeworfenen Chitinhülle. Ergebnis: Mit zunehmendem räumlichen Abstand der Schwärme nehmen die Unterschiede im Mikrobiom zu. Außerdem hielten die Biologen einige kleine Gruppen eines bestimmten Schwarms in getrennten Aquarien. Dabei stellten sie fest, dass sich die Bakteriengemeinschaften in den verschiedenen Aquarien schnell in unterschiedliche Richtungen entwickelten.
Demnach gibt das Mikrobiom Auskunft über die Herkunft der Krebse. Dazu kommt: Bei Mitgliedern eines Schwarms findet ein Austausch der Bakterien statt. Die Krill-Bestände im Untersuchungsgebiet gehören also zu unterschiedlichen Populationen mit wenig oder keinem genetischen Austausch.





