SCHON DIE ALTEN MAYA sollen den positiven Effekt von Maden auf entzündete, schlecht heilende Wunden gekannt haben. Doch mit dem Aufkommen der Antibiotika geriet die Therapie fast in Vergessenheit. 1996 verhalf ihr Wim Fleischmann, damals Chefarzt der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie im Krankenhaus Bietigheim, zu einer Renaissance in Deutschland. Die Ärzte setzen Larven der Schmeißfliege Lucilia sericata auf die schwärende Wunde. Hier sondern die Tiere ihren Speichel ab, der abgestorbenes, die Wundheilung behinderndes Gewebe enzymatisch auflöst. Von dieser „Wundsuppe” ernähren sich die Maden. Gleichzeitig scheiden sie Sekrete aus, die antibiotisch wirken und die Wundheilung stimulieren.
Indes: Viele Patienten empfinden dabei starke Schmerzen. Vor einem Jahrzehnt nahmen die Ärzte an, dass spitze Haken am Kopf der Larven daran schuld seien. Fleischmann suchte nach Abhilfe. Gemeinsam mit einem belgischen Unternehmen entwickelte er einen „ BioBag” (bild der wissenschaft 3/2001, „Maden in den Sack”): Dabei wurden jeweils zwischen 50 und 300 Maden in einen teebeutelähnlichen Sack eingeschlossen. Durch die poröse Kunststoffmembran scheiden die Fliegenlarven weiterhin ihre Sekrete aus, aber ihre Haken können das Wundgewebe nicht mehr reizen.
Fleischmann, heute im Ruhestand, versicherte damals: „Mit dem BioBag haben die Patienten keine Schmerzen mehr.” Aber 2009 stellte sich in einer Studie der University of York das Gegenteil heraus. Alle Teilnehmer, deren Wunden mit Maden behandelt wurden, empfanden dabei Schmerzen – auch diejenigen, die BioBags erhalten hatten. Somit können die Schmerzen nicht von den Dornen an den Madenköpfen stammen. Außerdem fanden die Forscher um die Medizinerin Jo C. Dumville in der Studie heraus: Die Wundheilung mit Maden dauerte – sowohl mit als auch ohne BioBag – im Schnitt genauso lange wie die Behandlung mit einem herkömmlichen Hydrogel-Verband. Er besteht aus einem dreidimensionalen Polymer-Netz, in das Wassermoleküle eingelagert sind.
Das war ein doppelter Schlag für den Fliegeneier-Hersteller Agiltera in Dormagen. Lutz Heuer, Apotheker und Sicherheitsbeauftragter des Unternehmens, räumt Einbußen nach dem Bekanntwerden der Yorker Ergebnisse ein, will aber keine Zahlen nennen. Agiltera liefert Fliegeneier in einem Transportgefäß an Apotheken. Die züchten daraus die Larven – auf Rezept des behandelnden Arztes, der zuvor das ausdrückliche Einverständnis seines Patienten eingeholt haben muss. Denn lebende Maden, ob frei oder im BioBag, dürfen in Deutschland gemäß Arzneimittelgesetz (AMG) nicht ohne Weiteres vertrieben werden. „ Es handelt sich um ein Fertigarzneimittel, das noch nicht zugelassen ist”, begründet Heuer. Zur Ursache der Schmerzen während der Behandlung vermutet er: „Die Sekrete der Maden greifen vermutlich auch das gesunde Gewebe an.” Die Dosierung und Dauer der Madentherapie müsse daher vom behandelnden Arzt sehr genau kontrolliert werden.
Um dieses Problem zu umgehen, schlagen die Hohenstein Institute in Bönnigheim einen neuen Weg vor: Die Experten für Textilforschung wollen völlig ohne lebende Maden auskommen. „Wir haben eine Wundauflage aus Zellulose-Hohlfasern entwickelt, in die das ausgeschiedene Madensekret eingebracht wird”, erklärt Timo Hammer, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Hygiene und Biotechnologie. Die Wundauflage habe eine abbauende Wirkung auf abgestorbenes Gewebe, genauso wie sie anregende Stoffe für die Wundheilung enthalte. Hammer ist überzeugt: Die Anwendung gereinigter Sekrete oder Sekret-Bestandteile wird künftig eine größere Rolle spielen als der Einsatz einer wimmelnden Putzkolonne. Tabea Osthues ■





