Seit mehr als 20 Jahren trägt Thad Starner seinen „Wearable CharmIT Pro”. Das ist ein mobiler PC, den er jeden Morgen anzieht wie andere Leute frische Unterwäsche: den kleinen Monitor auf die Brille gesteckt, das Mini-Keyboard in die Hosentasche gepackt, die schwarze Umhängetasche mit der Hardware geschultert, und los geht’s. „In spätestens zehn Jahren werden wir alle so herumlaufen” , behauptete der skurrile Professor von der Georgia Tech University in Atlanta/Georgia in bild der wissenschaft (Heft 4/2005, „Thad Starner – Der Verschaltete”).
Ganz falsch mit seiner Prognose lag der Pionier des „Wearable Computing” – des Verschmelzens von Bekleidung und Elektronik – damals nicht. Denn fast jeder „trägt” heutzutage ein Handy, das weitaus mehr kann als nur telefonieren. Und für den Internet-Riesen Google treibt der Amerikaner die Entwicklung der Datenbrille „Google Glass” voran, die 2014 auf den Markt kommen soll.
Seit 2008 arbeitet der Wissenschaftler auch am „Musical Glove” – einem fingerlosen Handschuh, der (fast) den Klavierlehrer ersetzt. „Wo die Knöchel sind, sitzt auf dem Handschuh an jedem Finger ein kleiner Vibrator. Er schlägt mit 160 Herz an, sobald der jeweilige Finger in der Notenfolge dran ist”, erläutert Starner. Die damit erzielbaren Lerneffekte verblüffen. Selbst der Wettermann des Nachrichtensenders CNN, ein erklärter Nicht-Musiker, spielte nach nur 45-minütigem Tragen des Handschuhs vor laufender Kamera auf einem Keyboard ohne große Verhauer den ersten Teil von Beethovens „Freude, schöner Götterfunken”.
Dass in dem Musical Glove auch ein Physiotherapeut stecken könnte, darauf kam Deborah Backus. Sie ist Direktorin der Forschungsabteilung für Multiple Sklerose am Sheperd Center in Atlanta. „Als ich den Handschuh zum ersten Mal sah, musste ich sofort an meine Patienten denken”, sagt die Neurowissenschaftlerin. Sie arbeitet mit Menschen, die durch Rückenmarkschäden an vermindertem Gefühlsempfinden und eingeschränkter Feinmotorik ihrer Hände leiden.
Gemeinsam mit Starner machte Backus eine achtwöchige Studie, bei der ihre Patienten in zwei Klavier-Lerngruppen eingeteilt waren. Die eine Gruppe saß dreimal die Woche für jeweils 30 Minuten vor einer Tastatur und lernte unter pädagogischer Anleitung das Instrument. Eine zweite Gruppe musste zusätzlich – jeweils für zwei Stunden pro Tag – fünfmal die Woche den cleveren Handschuh tragen.
Bei Greif- und Gefühlstests am Ende der Studie schnitt die Musical-Glove-Gruppe signifikant besser ab. „Die Teilnehmer waren deutlich selbstständiger. Sie konnten wieder Knöpfe schließen und fühlen, wenn eine Kaffeetasse zu heiß ist”, berichtet Starner. Warum dieser Effekt eintritt, ist noch neurologisches Neuland. Starner vermutet, dass die haptischen Reize Bereiche der Motorischen Großhirnrinde stimulieren. Sie sind bei diesen Patienten oft in einer Art Schlafzustand.
Aktuell entwickelt der 43-Jährige eine neue Methode, bei der mithilfe des Handschuhs das Erlernen der Braille-Blindenschrift einfacher werden soll. Starner will die bisherige Methode – das Tippen auf einer Punktschriftmaschine – durch das Bedienen einer normalen Tastatur ersetzen. Die ersten Studien laufen bereits. Bei ihnen ist der Handschuh mit elf statt fünf Vibratoren ausgestattet, und die Probanden sollen akustische Informationen mit Vibrationsmustern verknüpfen.
Auf die Frage, ob als nächstes die schlaue Socke kommt, schmunzelt Starner. „Gute Idee, warum nicht? Das haptische Lernen besitzt offenbar ungeahnte Potenziale. Es ist eine dieser besonderen Entdeckungen, die man nur selten im Lauf seiner Forscherkarriere macht.”
Désirée Karge





