Da wäre etwa das Riffparadoxon, welches das Missverhältnis benennt, wie Korallenriffe trotz des geringen Nährstoffgehalts in ihrer Umgebung derart viel Biomasse produzieren können. Oder Petos Paradoxon, mit dem der britische Statistiker Richard Peto darauf aufmerksam machte, dass theoretisch die Gefahr von Mutation und Tumorbildung mit der Gesamtzahl der Körperzellen und der Zellteilungen eines Organismus steigen sollte. Anhaltspunkte für eine solche Korrelation gibt es jedoch bisher nicht.
Das wohl bekannteste Paradoxon in der Biologie dürfte indes das C-Wert-Paradoxon sein. Das C steht hierbei für Chromatin, und der entsprechende Wert gibt an, welche Gesamtmenge an DNA der einfache Chromosomensatz eines Organismus enthält. Der C-Wert für uns Menschen beträgt 3,2 Gigabasen – was zum Beispiel Lilien mit ihren knapp 40 Gigabasen oder diverse Amphibien mit über 80 Gigabasen locker toppen. Doch auch diese müssen sich weit hinter dem Lungenfisch Protopterus aethiopicus mit seinen 140 Gigabasen anstellen. Und den sehen einige Forscher immerhin als den nächsten lebenden Verwandten derjenigen Wirbeltiere an, die erstmals vom Wasser aus das Festland besiedelten. Auf der evolutionären Linie von ihnen zu uns Menschen könnte also ganz schön viel Genom verloren gegangen sein.
Den größten Keulenschlag hielt „das Unerwartete“ jedoch mit Amöben bereit: Für Amoeba proteus und Amoeba dubia wurden C-Werte von 290 und 670 Gigabasen ermittelt. Die formvariablen Einzeller haben demnach bis zu 210-mal mehr DNA in ihren Genomen als wir.
Doch worin genau besteht das Paradox? Oder andersherum gefragt: Was hatte man denn erwartet? Es schien einfach klar, dass der Mensch komplexer ist als Lilie oder vor allem Amöbe – und dass das nur mit mehr Information im genetischen Bauplan geht. Folglich, so schloss man seinerzeit, müssen wir mehr DNA in unserem Genom haben.
Das Schöne an den wissenschaftlichen Paradoxa ist jedoch, dass sie oftmals auf tiefer verborgene Wahrheiten hindeuten. Und so wissen wir inzwischen, dass die großen Unterschiede im C-Wert vor allem durch enorme Ausweitungen von DNA-Abschnitten zustande kommen, die im Genom weder irgendetwas codieren noch regulieren. Grob vereinfacht also: Wer viel DNA hat, hat meist auch viel „Schrott“ im Genom.
Doch mit dem Genom-Paradoxon war damit noch lange nicht Schluss. Denn obwohl wir Menschen weit weg von einem Gigabasen-Spitzenplatz sind, lebte die Erwartung erstmal weiter, dass sich in unseren Genomen trotzdem am meisten Information tummelt – sprich: die größte Zahl an Genen. Doch wieder einmal förderte das Humangenomprojekt Unerwartetes zutage, als es nur etwa 21.000 proteincodierende Gene zählte. Erwartet hatte man über 100.000. Und wieder zeigte sich: Eine ganze Reihe von Organismen hat deutlich mehr dieser Gene, darunter wieder einige Einzeller wie etwa Paramecium tetraurelia mit knapp 40.000 oder Trichomonas vaginalis mit fast 60.000.





