Von RAINER KURLEMANN
Wer den Beginn allen Lebens auf der Erde verstehen will, muss tief ins Meer eintauchen. Viele Wissenschaftler sind überzeugt, dass hydrothermale Quellen in der Tiefsee der Ursprung aller heute existierenden Lebensformen sind. An diesen Orten tritt Hitze aus dem Inneren der Erde an die Oberfläche der Erdkruste. Aus den Schloten strömen pro Sekunde über 1000 Kilogramm Flüssigkeit mit Temperaturen von 200 Grad Celsius und mehr. Dabei bilden sich besondere Mineralien, deren Oberflächen chemische Reaktionen beeinflussen können. Sie dienen als Katalysatoren. „Einfache spontane geochemische Reaktionen haben die Grundlagen des mikrobiellen Stoffwechsels hervorgebracht: Amino-säuren, Nukleotide und Cofaktoren zur Aufrechterhaltung der ribosomalen Proteinsynthese“, sagt Bill Martin, Evolutionsforscher an der Universität Düsseldorf.
Das klingt so kompliziert, wie es ist. Aber tatsächlich gelingt es den Forschern heutzutage, die Bedingungen aus der Frühzeit der Erde im Labor nachzustellen. Und diese Versuche liefern einige Hinweise, dass alles im Meer begonnen haben könnte. Dort soll der Urtyp aller Lebewesen entstanden sein, die Urzelle Luca (last universal common ancestor, letzter universeller gemeinsamer Vorfahre).
Der Beginn des Lebens hat sich Zeit gelassen. Zwischen dem ersten Auftreten von flüssigem Wasser auf der Erde vor etwa 4,3 Milliarden Jahren und dem Auftreten der ersten Anzeichen von Leben vor etwa 3,8 Milliarden Jahren liegen etwa 500 Millionen Jahre. Bill Martin glaubt nicht an Zufälle, wenn es um den Beginn des Lebens geht. Die unbelebte junge Erde war ein unwirtlicher Ort: Vulkane, giftige Gase, Mineralien und ein riesiger, turbulenter Ozean. Einige der populären Theorien hält Bill Martin deshalb für unwahrscheinlich. Wenn Leben durch heftige Blitze entstanden sein soll oder durch Meteoriteneinschläge aus dem Weltall zur Erde gekommen wäre – es hätte sich seiner Ansicht nach kaum lange gehalten.
In Hohlräumen am Rande der Schlote
Verglichen mit dem turbulenten Geschehen könnten die hydrothermalen Quellen ein vergleichsweise ruhiger Ort gewesen sein. Aus der heutigen Forschung ist bekannt, dass die Gesteine am Rande der heißen Schlote sehr porös sein können. Plausibel wäre des – halb, dass solche Hohlräume ermöglicht haben, dass eine Kette chemischer Reaktionen nacheinander ablaufen konnte, an deren Ende die Moleküle standen, die die Bausteine der ersten Zellen bildeten. Eine Reaktion hat dabei auf der anderen aufgebaut. Damit das gelingen konnte, durften die Zwischenprodukte nicht im Wasser verwirbelt werden, und sie mussten nah beieinanderbleiben, um für den nächsten Umsetzungsprozess zur Verfügung zu stehen. Die Hohlräume der heißen Schlote haben diese Voraussetzungen geboten. Hier haben sich Moleküle an einem einigermaßen geschützten Ort anreichern können.





