Hier setzt die Darmstädter Althistorikerin Elke Hartmann in ihrem neuen Buch an, das „Kommunikation, Konsum und Konkurrenz“ im sozialen Kosmos der Stadt Rom im 1. Jahrhundert n. Chr. in sieben Fallstudien untersucht. Unter diesem schönen Dreiklang fühlt Hartmann sozialen Praktiken und Handlungsmustern auf den Zahn, an denen sich die Neujustierung der stadtrömischen Gesellschaft nach der Durchsetzung des Prinzipats durch Augustus beobachten lässt.
Hartmann macht die Satirendichter Juvenal und Martial zu Kronzeugen des Wandels und stellt damit der in der Forschung zur Antike noch immer vorherrschenden Geschichte „von oben“ eine Geschichte „von unten“ gegenüber. Ausführlich erklärt sie, warum sie die Quellen im Sinn ihrer Fragestellung für belastbar hält: Die Satiren seien zwar als literarische Konstruktionen zu lesen, doch ohne Wiedererkennbarkeit von Situationen und Praktiken wäre ihr Humor wirkungslos verpufft.
Hartmann sucht den Zugang über ein breites Spektrum von Themen, die von der Satire aufgegriffen wurden. Gerade die enorme Vielfalt von Arenen und Situationen, in denen sich das Verhalten von Menschen längst nicht nur der Oberschichten änderte, macht anschaulich, wie tiefgreifend die spätrepublikanische Gesellschaft durch den Prinzipat neu konfiguriert wurde. Die Auswirkungen ließen sich im Theater ebenso beobachten wie in den Thermen, sie erfassten das Konsumverhalten der Menschen genauso wie die in der sozialen DNA Roms tief verankerten Patronageverhältnisse. Der soziale Wandel rief schließlich Akteure auf den Plan, die von den veränderten politischen Rahmenbedingungen und der durch sie geschaffenen sozialen Unordnung profitierten: Denunzianten, Erbschleicher, Freigelassene. Die traditionellen Eliten mochten die Nase rümpfen, viel ausrichten konnten sie nicht dagegen, dass alte soziale Praktiken erodierten und neue Einzug hielten.
Hartmann hat ein höchst innovatives Buch geschrieben: Durch das Prisma der Satire lässt sie ihre Leser einen ganz neuen, immer wieder frappierenden Blick in die frühkaiserzeitliche Gesellschaft tun. Schon das ist, angesichts der Berge von Forschungsliteratur zu der Epoche, keine Kleinigkeit. Dass sie in dem Band theoretische Versiertheit mit darstellerischer Eleganz, die fesseln und unterhalten kann, verbindet, verdient höchstes Lob.
Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer




