Nun fehlt es seit den Jahren des Kalten Krieges nicht an vergleichenden Untersuchungen zu NS- und stalinistischer Diktatur. Viele standen im Zeichen der Totalitarismusforschung und bewegten sich teils auf einer relativ abstrakten Systemebene, teils umgekehrt in sehr konkreten Erfahrungen des Terrors. Was die neue Studie auszeichnet, ist ihr explizit historischer Zugang. Sie will erklären, wie und in welchen Etappen es zu dem grauenvollen Terror kam, welcher Impuls die beiden Systeme in ihre Vernichtungsstrategien trieb.
Dabei werden die Erlebnishorizonte des Ersten Weltkriegs, des russischen Bürgerkriegs, die „Neuvermessung“ nationaler Kategorien und imperialer Ansprüche ebenso skizziert wie die Radikalisierung der Techniken diktatorischer Macht seit den 30er Jahren. Ideologische Schemata und „kollektive Vorurteile“ werden zu Dynamisierungsfaktoren einer sich immer stärker enthemmenden Gewalt. Was in der Rezension abstrakt klingt, wird in dem knappen Büchlein plastisch beschrieben und mit Beispielen belegt.
Trotz dieser Dichte reizt das Buch zu Gegenfragen. So charakterisieren die Autoren beide Diktaturen als den Versuch, „eine Ordnung ohne Ambivalenz herzustellen“. In ihrer „Utopie der Eindeutigkeit“ realisiere sich eine „Kultur“ oder „Zivilisation des Hasses“, die „Fremde“ zu „Artfremden“ gemacht und eine Ordnung des Mordens installiert habe. Dennoch die Nachfrage: Übermalt nicht die von Baberowski und Doering-Manteuffel so prononciert vorgetragene Prämisse der „Eindeutigkeit“ all die dramatischen Brüche und chaotischen Ungereimtheiten, die beiden Systemen eigen sind? Wo bleiben die inneren Selbstblockaden des Stalinismus, wo auf nationalsozialistischer Seite der Krieg nicht als Ordnung, sondern als Selbstzweck? Indem die „Utopie“ auf den Wahnsinn der „Eindeutigkeit“ reduziert wird, verliert der Begriff viel von seiner ideengeschichtlichen (auch ambivalenten!) Provokationskraft.
Ein zweiter Zweifel: Während die rassistische Orientierung des Nationalsozialismus außer Frage steht, ist es doch eine Vereinfachung, davon auszugehen, dass die „ethni‧sche Säuberung“ das Zentrum des stalinistischen Terrors ausmachte. Fraglos stand die Vielfalt der Nationen dem Herrschaftsanspruch Stalins entgegen, fraglos litten die nationalen Minderheiten grauenvoll unter dem Terror. Das taten andere aber auch, wie die Autoren mit dem Hinweis auf soziale Komponenten des Terrors selbst einräumen.
Bei dem Versuch, die Ähnlichkeiten beider Systeme her-auszuarbeiten, laufen die Autoren Gefahr, die ethnische Begründung sowjetischer Vernichtungspolitik überzustrapazieren. Richtig ist, dass die Bolschewiki keinem „biologischen Rassismus“ huldigten, doch bedarf der Ersatzbegriff des „kulturellen Rassismus“ der definitorischen Klärung. Etwas blass bleibt auch das angedeutete Konzept des „Imperiums“ als „Ort des totalitären Vernichtungswahns“.




