Bewusst verzichtet Douglas auf deutsche Zeugnisse, um so dem Einwand zu entgehen, dass Opfer immer dazu neigen, ihre eigenen Erfahrungen zu übertreiben. Doch die von ihm herangezogenen Quellen, etwa die Unterlagen des Komitees vom Internationalen Roten Kreuz, liefern ein ebenso eindrückliches wie bedrückendes Bild von Elend, Hunger, Erniedrigung und Tod während der Vertreibungen. Dabei lässt Douglas keine Zweifel an der nationalsozialistischen Umsiedlungs-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik als Ursache für die Vertreibungen.
In 13 Kapiteln wird ein breites Panorama von Flucht und Vertreibung entworfen. Es reicht von den Planungen über die „Heim ins Reich“-Umsiedlungen, die Rolle der Alliierten, die „wilden“ und organisierten Vertreibungen bis hin zu den internationalen Reaktionen sowie dem Neubeginn in den vier Besatzungszonen und in den beiden deutschen Staaten. Der Schwerpunkt des pointiert, zuweilen zugespitzt argumentierenden Buches liegt auf der Durchführung der Massenvertreibungen, die mit einem eigenen Kapitel über die Erfahrungen von Kindern ebenso detailliert geschildert werden wie der Archipel von Konzentrations-, Internierungs- und Sammellagern.
Der Titel des flüssig geschriebenen Buches „Ordnungsgemäße Überführung“, mit dem auf den Artikel XIII des Potsdamer Abkommens angespielt wird, verweist auf ein Paradox: Douglas bestätigt, dass auch mit der vertraglichen Grundlage die Vertreibungen keineswegs ge‧regelt und human abliefen. Zudem unterstreicht er die entscheidende Rolle der westlichen Alliierten bei der Genese und Durchführung der Umsiedlungen sowie ihren im Zug des Kalten Krieges erfolgreichen Versuch, ihre Verantwortung zu verschleiern.
Das Buch ist letztendlich ein leidenschaftliches Plädoyer, Umsiedlungen und Vertreibungen als Mittel der Politik zu ächten. Douglas wünscht sich, dass diese Lehre aus diesem ebenso zentralen wie politisch umstrittenen Kapitel deutscher und europäischer Geschichte endlich gezogen wird. Ein gut lesbares und auch deshalb empfehlenswertes Buch.
Rezension: Dr. Mathias Beer




