Ist es sinnvoll, Kindern, die sich ständig mit Halsschmerzen und Erkältungen herumplagen, die Gaumenmandeln herauszunehmen? Eine Studie der Universität Utrecht hatte im vergangenen Jahr scheinbar das Gegenteil bewiesen und damit viele Eltern verunsichert. Doch Friedrich Bootz, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Universitätsklinik in Bonn, warnt vor voreiligen Schlüssen: „In der Studie wurden lediglich einfache Infektionen der oberen Atemwege betrachtet. Aber diese gehören schon lange nicht mehr zu den Anlässen für eine Mandeloperation.”
Tatsächlich empfehlen Ärzte seit einigen Jahren immer seltener, die Mandeln zu entfernen. Meist wird nur noch operiert,
• wenn die Mandeln so groß sind, dass sie im Schlaf die Atmung erschweren,
• oder wenn die Mandeln selbst ständig entzündet sind – und nicht nur die Schleimhäute in Hals und Rachen wie bei normalem Husten oder Halsschmerzen.
Bei solch einer chronischen Tonsillitis leiden die kleinen Patienten immer wieder an plötzlichem hohem Fieber, klagen über Schluckbeschwerden und fühlen sich extrem schlapp und kraftlos. Auf den geschwollenen Gaumenmandeln finden sich schmierige, häufig eitrige Beläge. „Nur in solchen Fällen ist es wirklich sinnvoll, die Mandeln herauszunehmen. Alle Erfahrungen und viele Studien belegen, dass sich die Beschwerden dann auch tatsächlich bessern”, sagt Bootz. Allerdings, ergänzt der Experte, sollte man bei Kindern unter vier Jahren genau abwägen, ob eine Operation wirklich notwendig ist. Denn bis zu diesem Alter haben die Mandeln eine wichtige Funktion für die Reifung des Immunsystems.
Im Grunde sind die Gaumenmandeln überdimensionierte Lymphknoten. Viele Immunzellen bekommen hier erstmals Kontakt mit Krankheitserregern und deren Oberflächenstrukturen, den Antigenen. Erst das löst eine zielgerichtete Abwehrreaktion des Körpers aus und lässt Gedächtniszellen reifen, die bei neuerlichen Angriffen desselben Erregers eine schnelle Immunantwort ermöglichen. Die Mandeln sitzen an einer strategisch wichtigen „Einfallspforte”, wo sie mit den Erregern aus der Atemluft und der Nahrung konfrontiert werden. Etwa ab dem vierten Lebensjahr scheinen die Abwehrkräfte weitgehend ausgereift zu sein. Jedenfalls gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass ältere Kinder ohne Mandeln ein schwächeres Immunsystem hätten.
Die Operation selbst ist mit deutschlandweit über 115 000 Eingriffen pro Jahr für die Ärzte Routine und meist in 15 Minuten erledigt. Allerdings besteht danach ein erhöhtes Risiko für Blutungen. Daher bleiben die Patienten für ungefähr fünf Tage in der Klinik. Bootz spricht sich gegen ambulante Eingriffe aus, die teilweise von den Krankenkassen gefordert werden. „Hier sollte nicht am falschen Ende gespart werden. In den USA ist die Sterblichkeit nach Mandeloperationen deutlich erhöht. Und das nur, weil viele nicht versicherte Patienten die billigere ambulante Variante bevorzugen.” Dr. Ulrich Fricke
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Kommentierte Linksammlung eines Patienten zum Thema Mandeloperationen:
www.tonsillektomie.de
Links und Quellenhinweise
zu allen medinfo-Themen:
www.wissenschaft.de/bdw
Kontakt
Prof. Dr. med. Friedrich Bootz
Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde Universitätsklinikum Bonn Sigmund-Freud-Str. 25 53105 Bonn





