Wir müssen weg! „Gumbinnen brennt. Nachts ist der ganze Osten ein Flammenmeer.” So steht es unter dem 17. Januar 1945 im Tagebuch Hans Graf von Lehndorffs. Sechs Tage später fand er “den weiten Platz vor dem Königsberger Hauptbahnhof mit Flüchtlingen übersät. Hochbepackte Leiterwagen sind in dichten Reihen aufgefahren, und aus den Seitenstraßen kommen immer noch neue dazu, die meisten von Frauen gesteuert. Man wagt nicht daran zu denken, wie das enden soll. Vom Westen kommen die Züge schon zurück, weil der Weg versperrt ist.” Lehndorff selbst dachte anders, der Arzt schloß sich den Flüchtenden nicht an. Am 22. Januar Abends saß er mit seinen Verwandten in Preyl zusammen, gemütlich “ohne Sorge um das, was bevorsteht. Es ist nicht mehr so wichtig, was aus uns wird, nachdem sie einer nach dem anderen gefallen sind, die Söhne dieses Hauses, die Brüder, die Hoffnung des Landes, an dem wir hängen.” “Wir hörten ja schon wochenlang die Front, das Poltern. Da zitterten die Fensterscheiben. Wir ahnten schon, daß wir bald wegmußten.” Christa Ellermann floh mit ihrer Familie aus Ostpreußen. “Ich war an dem Tag in der Stadt gewesen und kam nach Hause. Da ist mein Vater dabei, den großen Leiterwagen mit solchen Rundbögen zu bespannen. – Ich sag: ‚Was machst Du denn, Vater?‘ – Und er sagt ganz ernst: ‚Wir müssen weg! Befehl gekommen! Morgen müssen wir weg … Na ja nun, meine Mutter war auch schon am Packen. Alles aufgeregt! Es wurden dann Kisten und Koffer und alles aufgeladen. Ja, was nimmt man mit? Man war völlig durcheinander, alles praktisch wahllos hineingepackt. Vor allem Papiere und Sparkassenbücher und Ausweise. Und dann fiel uns noch ein, daß wir ja Betten haben müßten. Und die wurden dann auch noch in die Säcke hineingepackt. Und dann fuhren wir am gleichen Tag los. Dann gab es noch den Befehl, das ganze Vieh in den Weidegärten lose zu belassen. Was wir dann auch gemacht haben…”
So gezittert haben wir „Und als wir dann über das Frische Haff gefahren sind. – Da sahen wir: Dort bricht einer ein, die nebenan brechen ein. Es hätte ja auch sein können… wir waren doch so dicht dabei. Nichts dergleichen, wir sind kreidebleich geworden und so gezittert am ganzen Leibe haben wir. Aber wir kamen rüber!” Else Schlüter ist knapp 20, als sie dies erlebt. Die flüchtenden Menschen erlebten Solidarität ebenso wie Egoismus. “Das Schiff [in Stolpmünde] war ein Pferdefrachter gewesen und sollte nur dreihundert Personen aufnehmen. Wir waren aber sechshundert. Ein Ritterkreuzträger hatte sich mit einer Pistole an den Steg gestellt und schrie: ‚Kein Mann an Bord!‘ Viele Männer hatten sich nämlich als Frauen verkleidet, um mit dem Schiff noch mitzukommen. Und dann fuhren wir los, ohne zu wissen wohin”, so die Erinnerung Helene Lindstedts. “Menschen starben, Tiere starben, am Wegrand wurden Pferde erschossen, fielen dann in den Graben. Das hatte ich immer vor Augen.” Die 1933 in einem Dorf bei Danzig geborene Lina Herfort hat heute noch Alpträume. “Und dann kam der Tiefflug. Pferde totgeschossen. Da lag alles am Wegrand. Menschen, tote Menschen, tote Pferde. Wir gingen daneben. Und dann fiel da schon wieder einer um. Haben wir alles erlebt, hautnah… Wissen Sie, man ist in einem Zustand, da ist man wie betäubt. apathisch! Man kann gar nicht mehr denken.”





