Wären alle Rohstoffe so reichlich verfügbar wie Kohle, Dennis Meadows hätte nie „Die Grenzen des Wachstums” publiziert. Darin ging er von einer statischen Verfügbarkeit an Kohle (bei weiterhin unverändertem Verbrauch) von 2300 Jahren aus. Selbst bei einem mutmaßlichen jährlichen Verbrauchszuwachs von 4,1 Prozent würden die bekannten Kohlenreserven 111 Jahre reichen, dokumentiert die zentrale Tabelle des Buches. Grenzen des Wachstums? Fern am Horizont! Dramatischer schätzte Meadows die Lage bei anderen fossilen Brennstoffen ein: Erdgas sollte nach 38 Jahren (statische Betrachtung), bei einem angenommenen jährlichen Verbrauchswachstum bereits nach 22 Jahren – also um 1995 – erschöpft sein. Noch Besorgnis erregender klangen die Prognosen für Rohöl. Das sollte um 2000 aufgebraucht sein (statische Betrachtung). Bei dem vermuteten mittleren Jahresverbrauchszuwachs von 3,9 Prozent wäre dies schon um 1990 erreicht gewesen. Diese Endzeitbetrachtungen ließen weltweit die Diskussion um die Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe hochlodern, scheinen aber angesichts der noch heute vorhandenen Vorräte Asche zu sein: 2001 lag die statische Verfügbarkeit von Erdöl bei etwa 45 Jahren und die von Erdgas bei knapp 63 Jahren (siehe Tabelle auf Seite 93). In beiden Fällen reichen damit die Vorräte noch heute länger, als Meadows vor 30 Jahren annahm. Mehr noch: Die statische Reichweite ist für Lagerstättenexperten wie Hilmar Rempel – bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zuständig für Energiestatistiken – am unteren Ende dessen angesiedelt, was tatsächlich zur Verfügung steht. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass Fördergesellschaften ihre Reservepotenziale nur auf dem Niveau halten, das für den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur notwendig ist”, sagt Rempel. Eine Verknappung von Erdgas und Erdöl wegen versiegender Reserven und Ressourcen sieht er selbst bei zunehmendem Weltenergieverbrauch vorläufig nicht. Gleichwohl sagt natürlich auch er, dass die Rohstoffe endlich sind. Am derzeitigen Ölpreis und dem sich daran orientierenden Preis für Erdgas dürfte sich in den kommenden Jahren nicht viel ändern. Alle Prognosen der einschlägigen Forschungsinstitutionen sehen den Ölpreis bis zum Jahr 2020 unter 30 Dollar pro Barrel. Scheich Ahmed Saki Jamani, ehemaliger Ölminister von Saudi-Arabien und exzellenter Kenner der OPEC (Organisation Erdölexportierender Länder) nennt als Hauptgrund dafür, dass nahezu alle Staaten, die in großem Rahmen Öl oder Gas exportieren, ihren Wohlstand darauf gründen. Deshalb würden sie – so seine Argumentation – den Preis nie so stark erhöhen, dass sich Investitionen in alternative Energieversorgungssysteme rentieren. Als Schwelle gilt ein Barrelpreis von 35 Dollar. Auch Peter Hennicke, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, spricht von einer „mengenmäßig insgesamt entspannten Versorgungslage” und bestätigt damit indirekt den Irrtum, dem Meadows vor 30 Jahren aufgesessen ist. Meadows hatte das Potenzial der technologischen Entwicklung bei Energie erzeugenden Prozessen unterschätzt und war offenbar auch etwas blauäugig an die Produktionsgewohnheiten der Explorationsfirmen herangegangen. Weit wichtiger als diese Defizite ist für Hennicke aber jene Botschaft, die er 1992 im Folgebuch „Die neuen Grenzen des Wachstums” deutlich herausgearbeitet hat: Es sind nicht die verfügbaren Vorräte, die uns fürs Erste Grenzen setzen beim Verbrauch fossiler Brennstoffe, sondern es sind vielmehr die dabei produzierten Schadstoffe. Allen voran sind das die menschgemachten Treibhausgase, die zur Hälfte auf das Konto der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle gehen. Klimaforscher sehen darin die Hauptursache für die derzeitige Erderwärmung, die uns am Ende des 21. Jahrhunderts eine globale Temperaturerhöhung von 1,4 bis 5,8 Grad Celsius (laut Weltklimarat IPCC) bringen könnte. Deshalb sollen bis 2050 die Treibhausgas-Emissionen gegenüber 1990 halbiert werden. In den Industriestaaten sei sogar eine Reduktion um 80 Prozent erforderlich. Nur dann, schreiben Hennicke und Co-Autor Amory Lovins im Buch „Voller Energie”: „scheint eine Anpassung der natürlichen Ökosysteme möglich”. Auch Eberhard Mellner, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Elektrizitätswirtschaft VDEW erkennt die kritische Entwicklung bei den Treibhausgasen als Wachstumsgrenze an, mit der sich die Energieversorger auseinander setzen müssen: „Wir müssen die CO2-Emissionen weltweit mindern.” Anders als Hennicke ist er der Meinung, dass das – neben den ständigen Effizienzverbesserungen – nur gelingen kann, wenn man auf Kernenergie nicht verzichtet. Wiewohl Mellner und Hennicke die einzuschlagenden Energiepfade unterschiedlich beurteilen, sind sie sich doch einig in der Quintessenz des Meadows-Bestsellers. „Das Bewusstsein für zur Neige gehende Rohstoffe wurde sensibilisiert”, konzediert Mellner. „Ein wichtiger Impuls für den Anstoß einer breiten Debatte”, bestätigt Hennicke. Einmal in die Welt gesetzt, breiteten sich diese Gedanken rasch aus. Überall auf dem Globus entstanden Initiativen, die sich mit der effizienteren und Umwelt schonenderen Nutzung von Energie beschäftigten. Neue Ideen wurden geboren und in Produkte umgesetzt. So stellt der VW-Konzern das Drei-Liter-Auto her. DaimlerChrysler, Ford, Toyota sind dabei, Brennstoffzellenfahrzeuge marktfähig zu machen, die aufgrund ihrer physikalischen Beschaffenheit Energie effizienter umsetzen als Automotoren und dadurch weniger CO2 und andere Schadstoffe erzeugen. Und selbst in gemäßigten Breiten lassen sich Häuser so bauen, dass nicht mehr als ein Liter Öl pro Jahr und Quadratmeter Wohnfläche verheizt werden muss. „Die technische Machbarkeit ist bewiesen”, erklärt Hennicke. „Doch ohne Änderung des Lebensstils geht das nicht. Deshalb müssen nationale Regierungen und die weltweite Staatengemeinschaft den Naturverbrauch verknappen.” Wie war das noch mal mit dem Drei-Liter-Auto? Die Industrie hielt davon ein Jahrzehnt lang überhaupt nichts. Erst langsam begannen sich einige Konzerne dafür zu engagieren und seit Juli 1999 bietet Volkswagen sein Modell Lupo mit einem Motor an, der im Zyklustest weniger als drei Liter Diesel verbraucht. Dass daraus ein Renner geworden ist, kann man nicht sagen. Im Jahr 2000 wurden in Deutschland 4600 Stück davon verkauft. Alle anderen in Deutschland verkauften 570 500 Pkw von VW hatten verbrauchsstärkere Motoren (darunter mehr als 41000 Lupo). Macht also gerade 0,8 Prozent Drei-Liter-Autos an der gesamten VW-Flotte. Offenbar wird das Öko-Bekenntnis zum Spritsparen beim Autokauf allzu gerne vergessen. Das wird sich nach den Vorstellungen von Peter Hennicke ändern. In seinem „ Faktor-Vier-Szenario” geht er davon aus, dass ein durchschnittliches Fahrzeug im Jahr 2050 nur noch 2,5 Liter Sprit für 100 Kilometer braucht. In dieser Hinsicht sieht Hennicke offenbar keinerlei Grenzen des Wachstums auf uns zurollen.
Wolfgang Hess





