Im März 1957 erschien in der DDR-Frauenzeitschrift „Sibylle“ eine bemerkenswerte Anzeige. Unter dem Slogan „Reiseträume gehen in Erfüllung“ stellte der VEB Automobilwerk Eisenach sein Spitzenprodukt vor, das „Wartburg“-Cabriolet. Das Modell hat es wirklich gegeben, wenngleich die produzierte Stückzahl mit nicht einmal 350 verschwindend gering blieb. Eigentlich war es ein Phantomprodukt, zumindest eines, das keinem Normalbürger erreichbar war. Ein schon bald unerwünschtes aus Sicht der Partei-Ideologen ohnehin. Nicht nur der „Reiseträume“ wegen, die als Aufforderung zur Republikflucht in ihrer schönsten Form hätten missverstanden werden können, sondern weil ein Spaßauto einen Ausbund „kapitalistischer Dekadenz“ darstellte. Zwei Jahre später wäre die Anzeige nicht mehr möglich gewesen, weil es das Produkt nicht mehr gab. Im RGW-Abkommen (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe der sozialistischen Staaten) wurde der DDR vorgeschrieben, dass fortan nur noch PKWs der Marken „Trabant“ und „Wartburg“ – ausschließlich als Limousine oder Kombi – herzustellen waren.
Gleichwohl eröffnet gerade diese Anzeige besonders aufschlussreiche Einsichten in die Werbewelt der DDR, ihre Ziele und Möglichkeiten, ihre Abhängig- und auch Absonderlichkeiten innerhalb ihres planwirtschaftlichen Systems. Zunächst ist sie als Meilenstein auf dem Weg zum in den 60er und 70er Jahren in der DDR immer häufiger auftretenden Typ des leeren Inserats anzusehen, das vor allem eines vermeiden sollte: Nachfrage. Es fällt auf, dass die „Wartburg“-Anzeige einen Kaufwunsch schon dadurch geschickt vermeidet, dass kein Preis genannt wird. Schließlich hätte der Verbraucher aus einer konkreten Preisangabe ja folgern können, dass es auch einen konkreten Artikel gibt. Wie sehr die Anzeige Illusionscharakter hatte, erweist sich im Vergleich mit einem Gegenstück aus der Bundesrepublik. Auch das Inserat für das „Isabella“-Coupé hatte noch ein Graphiker gestaltet, doch hier gab es Fotos vom realen Produkt, die Ausstattungsdetails zeigen, und es wurden Leistungsdaten und Preis genannt. Trotz großer formaler Ähnlichkeiten unterscheiden sich beide Inserate in ihrer Zielsetzung fundamental. In der Mangelwirtschaft der DDR war und blieb Werbung grundsätzlich produktionsorientiert, in der marktwirtschaftlich und vom Wettbewerb um die Käufergunst und von großem Warenüberhang geprägten Bundesrepublik war und ist sie bis heute absatzorientiert.
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 12/2012.
Dr. Dirk Schindelbeck




