Es wirkt so, als könne Jack Sim genau jene Worte, die andere nur flüsternd aussprechen, nicht oft genug vor die Weltöffentlichkeit zerren. Wobei er immer ein bisschen schüchtern aussieht, wenn er mit fast entschuldigendem Lächeln zu einem weiteren Kalauer über unsere Verdauung ansetzt. Er mag es sogar, wenn man ihn den Toilettenmann nennt. Sein Motto: „Lach über dich selbst, bring die anderen zum Lachen – und sie werden dir zuhören.” Denn die Botschaft des Familienvaters, dessen Frau über ihn sagt, er habe nur vier, sie aber habe fünf Kinder, ist keineswegs so witzig, wie man meinen könnte – wenn sich der 54-Jährige für ein Pressefoto eine Stola aus Toilettenpapier um den Hals legt oder durch eine Klobrille guckt.
Er nutzt den Klamauk, um die Blicke auf schwerste Missstände zu lenken: 42 Prozent der Weltbevölkerung – etwa 2,6 Milliarden Menschen, darunter 980 Millionen Kinder – müssen ihre Notdurft im Freien verrichten. Die Folge: Keime gelangen in den Wasserkreislauf und bringen Krankheit und Tod. Alle 14 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind wegen mangelnder Sanitärhygiene. Frauen sind in vielen Ländern nicht sicher vor Übergriffen. Und es gibt afrikanische Mädchen, die nicht zur Schule gehen, wenn sie menstruieren, weil es für sie keinen sauberen Rückzugsort gibt. Dass „sanitäre Hygiene wichtiger ist als politische Unabhängigkeit”, wie Mahatma Ghandi einmal sagte, davon ist auch Jack Sim überzeugt. So sehr, dass er sich aus seiner Firma für Baumaterial zurückzog und sich seitdem unentgeltlich für die von ihm gegründete World Toilet Organization einsetzt. „Die andere WTO”, sagt er und lächelt. Denn um ohne großes Budget mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, wählte Sim 2001 für seine Initiative bewusst das englische Kürzel der Welthandelsorganisation. „Eine Guerilla-Marketing-Strategie mit Erfolgsgarantie”, wie er rückblickend sagt.
Im vergangenen Jahrzehnt wuchs Sims WTO von 15 auf 235 Mitgliedsorganisationen in 58 Ländern. Die World Toilet Organization kooperiert mit internationalen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz und ist Partnerorganisation der UNO, die 2008 zum „Jahr der sanitären Anlagen” erklärt hatte. Die Aktionen der WTO reichen von der seriösen Demo in Washington, um sanitäre Einrichtungen zum Menschenrecht zu erklären, bis hin zu eher unterhaltsamen Aktionen wie einer Pressekonferenz in Berlin: Die Sprecher saßen auf Toilettenschüsseln. Zum Welttoilettentag hat Sim auch den „Big Squat”, die „Große Hocke” ins Leben gerufen. Eine Gedenkminute für die Toilettenlosen dieser Welt – in hockender Haltung. „Die Notdurft”, sagt Sim, „ist meine Religion.”





