Gegen ein so einseitiges Urteil über die Demokratie der Zwischenkriegszeit als Geschichte des Versagens richtet sich der von Tim B. Müller und Adam Tooze herausgegebene Sammelband „Normalität und Fragilität. Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg“, der auf eine Tagung des Hamburger Instituts für Sozialforschung zurückgeht. Die Autoren verfolgen einen prozessorientierten Ansatz, der die Zwischenkriegszeit nicht bloß vom Ende her denkt, sondern aus ihrer Zeit heraus erschließt. Mit „konsequenter Historisierung“ und der Suche nach einer transnationalen Perspektive wollen die Autoren althergebrachte Interpretationsmuster zur Diskussion stellen und lineare nationale Deutungsmuster überwinden. Die zentrale These des Buches ist, dass die Zwischenkriegszeit als Epoche des „Making of Democracy“ zu begreifen sei, in der die Demokratie ihren revolutionären Beiklang, den sie noch im 19. Jahrhundert hatte, verlor und zur Normalität wurde. Gleichzeitig sei die Dynamik und Ergebnisoffenheit, mit welcher der „universale Erwartungsbegriff“ Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg in alle Lebensbereiche vorstieß, für die Zeitgenossen auch ein ständiger Anlass des Streits und der Verunsicherung gewesen. Diese Entwicklungen werden auf 20 Beiträge verteilt diskutiert, die in die beiden Großkapitel „Konstellationen, Kontinuitäten und Konvergenzen“ sowie „Nationale Kontexte, Konflikte und Kontingenzen“ gegliedert sind.
In fast allen Beiträgen wird deutlich, dass während der Zwischenkriegszeit permanent um die Deutungshoheit darüber, was Demokratie sei und wer das beurteilen dürfe, gerungen wurde. Die Autoren deuten dies einerseits als Symptom für die Fragilität der jungen und noch in der Entwicklung begriffenen Demokratien. Andererseits zeuge dieser Kampf um die Interpretationshoheit aber auch von der Selbstverständlichkeit, mit der Demokratie als legitimitätsstiftende Ordnung betrachtet worden sei.
Viele der Artikel gehen in länderspezifischen Fallstudien der Frage nach, wie dieser Kampf um die Ausgestaltung von Demokratie geführt wurde. Ein regionaler Schwerpunkt liegt hierbei auf Deutschland und Skandinavien. Hierbei ergeben sich viele interessante Perspektiven, z.B. auf „zögerliche Demokraten“ in Philipp Nielsens Beitrag zur DNVP, die Mitte der 1920er Jahre mit demokratischem Vokabular wie der „Verantwortlichkeit“ experimentierte und so ihr Verhältnis zur Republik neu auszuloten versuchten.
Einen weiteren Themenblock bilden die Beiträge, die sich mit dem Verhältnis von Demokratie und Ökonomie beschäftigen. Ben Jackson gibt einen fundierten Einblick in die innerhalb der britischen Labour-Partei geführte Debatte um die richtige Wirtschafspolitik und die Rolle, die das Werk John Maynard Keynes hierbei innehatte.
Eine überraschende Erkenntnis bieten die Beiträge Elisabeth Dietermanns zu den Niederlanden und Jason Scott Smiths zu den USA. Beiden gelingt es, mit dem Dogma von der massiven Verwundbarkeit von Demokratien durch ökonomische Krisen zu brechen. Die Autoren zeigen, dass es in beiden Ländern gelang, im Rahmen der Reformprogramme „Plan van de Arbeid“ bzw. des „New Deal“ vertiefte Demokratisierung als Mittel zur Problemlösung anzuwenden, wodurch die Demokratie gestärkt aus der Krise hervorging.




