Ein „frischer Herr, der wenig achtete und in seiner Jugen[d] schon zeigte, daß er von Leib, Gliedern und Constitution stark“ werden würde: So charakterisierte sich August der Starke selbst, als er mit 20 Jahren begann, einen Roman über die Wettiner zu schreiben, die Dynastie, aus der er selbst stammte. Er hielt sein Gemüt für gütig und freigebig, so wie es sich für eine ehrliebende Seele gehörte. Von seinen Anlagen meinte der Prinz, er sei „geschickt, alle Exercitia zu erlernen“. Allerdings wolle er sich dem Studieren nicht verschreiben, da er nichts anderes als des Degens „zu seinem Fortkohmmen bedierffen“ werde. Deshalb sei ihm auch von klein auf das Soldatenwesen nahegebracht worden. Als zweitgeborener Sohn des sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. wusste er, dass die Herrschaft in Sachsen seinem Bruder zustand und er als Spross einer evangelisch-lutherischen Dynastie allenfalls als Heerführer reüssieren konnte. Denn die geistlichen Fürstentümer, die nicht innerhalb von Familien des europäischen Hochadels vererbt, sondern von der Kirche vergeben wurden, standen nur den Söhnen katholischer Herrscherhäuser offen.
Am Vormittag des 12. Mai 1670 gegen neun Uhr gebar Anna Sophia, die Tochter des dänischen Königs Friedrich III., ihren zweiten Sohn Friedrich August, der heute als August der Starke der prominenteste Wettiner ist. Der Vater des Neugeborenen, der sächsische Kurprinz Johann Georg, war im Frühjahr 1670 noch nicht ganz 23 Jahre alt und nicht sonderlich in Regierungsgeschäfte involviert. Auch der Großvater, der sächsische Kurfürst Johann Georg II., führte in Dresden kein persönliches Regiment, sondern widmete sich vorwiegend repräsentativen Pflichten. Seine Bauwerke und die Hofhaltung mit Opern, Komödien, Maskeraden und Jagden entwickelten in der sächsischen Residenz zum ersten Mal eine barocke Pracht. Große Feste, Ritterspiele, Feuerwerke und erfindungsreiche Aufzüge, sogenannte Inventionen, hielten den Hof und die ganze Residenzstadt in Atem.
Lange Zeit haben die Historiker diesen höfischen Aufwand für politisch nutzlos gehalten. Inzwischen hat sich aber die Einsicht durchgesetzt, dass auch die verfeinerte Hofkultur eine direkte herrschaftstabilisierende Wirkung hatte. Denn der Großvater Augusts des Starken musste seinen drei Brüdern beträchtliche Herrschaftsgebiete seines Hauses als Sekundogenituren (teilselbständige Fürstentümer) überlassen. Durch seine höfischen Inszenierungen reklamierte Johann Georg II. immer wieder die Zusammengehörigkeit seiner Dynastie und seinen eigenen Anspruch auf Vorherrschaft. Außerdem war Gott den Zeitgenossen vor allem gekennzeichnet durch Magnifizenz und Splendor (Großartigkeit und Glanz). Die Fürsten verstanden sich als Repräsentanten Gottes auf Erden. Sie hatten daher auch die Natur Gottes zu reflektieren. Diese Aufgabe ließ sich besonders gut erfüllen, indem der Herrscher Feste gab, die eine Vorstellung von Gottes Magnifizenz und Splendor gaben. Auch der höfische Zeitvertreib oder prächtige Bauwerke konnten diese Aufgabe erfüllen. Die beeindruckend inszenierte Machtdemonstration war in einer solchen Denkweise auch eine gottge‧wollte Aufgabe des Fürsten. Sie verwies auf die Ordnung der Welt und darauf, dass sie so war, wie sie Gott nach frühneuzeitlicher Vorstellung wollte. Höfischer Prunk sollte daher auch die Gesellschaft stabilisieren. Sein Sinn lag nicht in der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten eines pflichtvergessenen Herrschers…




