Vor dem Hintergrund der über 1000-jährigen Geschichte des Kriegerstandes allgemein gültige Aussagen über seine Lebensformen machen zu wollen, ist nahezu unmöglich. Jede Stufe seiner Entwicklung von der Formierungsphase in der Heian-Zeit (794–1185), über die Ära seines großen politischen Einflusses in der Kamakura-Zeit (1185/1192-1333), seines vorübergehenden Niedergangs in den Wirren der Muromachi-Zeit (1338–1573), der Wiederbelebung seiner Traditionen in der Edo-Zeit (1600/1603–1867) bis hin zu seiner Abschaffung 1871 ist durch eigene Merkmale gekennzeichnet.
Das militärische Element ihrer Existenz in Kombination mit der Funktion der Krieger als Binnenkolonisatoren, Rodungsherren und Großbauern bestimmte den Lebensstil der Samurai in den ersten Jahrhunderten zwischen militärischer Ausbildung, Kampf und agrarischer Verwaltung. In den Kriegen des 12. und 14. bis 16. Jahrhunderts hatten sich die Samurai als Kämpfer zu bewähren und weitgehend alles dieser Aufgabe unterzuordnen. Mit dem Beginn der Edo-Zeit verlor sich ihre Bindung an eigenen Landbesitz nahezu vollständig. Sie wurden zu Verwaltern des Feudalstaats unter der Herrschaft der Familie der Tokugawa. Im Wesen dieser Stellung an der Spitze des vierstufigen Ständesystems (Samurai, Bauern, Handwerker und Kaufleute) lag der eigentliche Widerspruch: In Friedenszeiten erwartete man die bedingungslose Beibehaltung einer kriegerischen Tradition, die sich eigentlich überlebt zu haben schien und dennoch ihr Leben in allen Facetten durchdringen sollte.
Nicht zuletzt durch die Stärkung des Neokonfuzianismus als der bestimmenden Geisteshaltung der Edo-Zeit gab es für die Samurai kaum eine Möglichkeit der Trennung privaten und öffentlichen Lebens. Die in der Tradition des Konfuzius stehenden chinesischen und japanischen Interpreten des Neokonfuzianismus verpflichteten die Krieger im Sinne einer dauerhaften Bewahrung der Tokugawa-Herrschaft auf die fünf „grundsätzlichen Tugenden“ des Konfuzianismus – Würde, Großzügigkeit, Treue, Fleiß und Wohltätigkeit – sowie auf seine fünf „allgemeingültigen Verpflichtungen“ uneingeschränkter Loyalität: zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn, Mann und Frau, älterem und jüngerem Bruder sowie zwischen Freund und Freund. Auch wenn der Neokonfuzianismus in den vorangegangenen Jahrhunderten immer wieder einmal Förderung erfahren hatte, war es nun die Totalität der Forderung um seine Beachtung, die großen Einfluss auf das soziale Gefüge der Samurai-Familien hatte.
Ein weiterer Bestandteil beeinflusste die Samurai-Kultur bereits seit dem 13. Jahrhundert entscheidend: der Zen-Buddhismus. Anders als die esoterischen und intellektuellen Schulen des Buddhismus früherer Epochen scheint der Zen-Buddhismus in seiner Betonung der individuellen Medita‧tionsleistung zur Erlangung der Erlösung abseits komplizierter philosophischer Konzepte dem Bedürfnis der Samurai nach Schlichtheit und einer sentimentalitätsloseren Sichtweise auf den Tod eher entsprochen zu haben. Mit seinen „Wegen“ (do), wie der Tee-Zeremonie (chado), der Kalligraphie (shodo), des Schwertkampfs (kendo) oder des Bogenschießens (kyudo), hatte er Einfluss auf die kulturellen Vorlieben der Samurai. Ausdruck findet der Zen-Buddhismus auch in der dem Hofadel und den Samurai vorbehaltenen Form des von Zeami (1363? – 1443) perfektionierten no-Theaters mit seinen heroischen Sujets, das sich neben dem „bürgerlichen“ kabuki-Theater zur wichtigsten japanischen Theaterform entwickelte. Hier tritt neben die Erbauung zugleich die kriegerische Selbstbestätigung durch die Darstellung mutigen und loyalen Verhaltens…





